Frühes Christentum: Tod einer Philosophin

Alexandria, die Stadt des siebten Weltwunders

Stadt des Wissens. In Alexandria werden jahrhundertelang bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen und gesammelt- ein „Silicon-Valley“ der Antike.

Alles begann mit der Ankunft eines jungen Makedonen der die Fremdherrschaft der Perser über die uralte Kultur der Ägypter beendete. Alexander der Große, wurde zum Pharao ausgerufen und er ließ 331 v.Chr. hier an der Mittelmeerküste Ägyptens wie es seine bescheidene Art war, eine nach ihm benannte Stadt gründen, ehe er seinen Eroberungszug der ihn bis über die Gipfel des Hindukusch führen sollten, wieder aufnahm.
Nach seinem frühen Tod wurde sein riesiges Reich aufgeteilt und sein langjähriger Gefährte Ptolemäus sicherte sich Ägypten.
Er und seine Nachfolger bauten die Stadt zu einer Metropole des Wissens aus. Die reiche Stadt am Mittelmeer hieß mit ihrem 140 Meter hohen Leuchtturm – eines der sieben Weltwunder- Mathematiker, Historiker, Astrologen, Künstler und Philosophen willkommen. Ptolemäus selbst warb um die klügsten Köpfe der Antike. Seinem Ruf folgten Persönlichkeiten wie Euklid, dem Begründer der klassischen Geometrie, Herophilos ein Arzt, der als Begründer der wissenschaftlichen Medizin gilt oder dem Leiter der Bibliothek von Alexandria, Eratosthenes der um 240 v.Chr. bereits überraschend genau den Erdumfang berechnet hatte. Sie alle forschten und lehrten hier und formten ein intellektuelles und wirtschaftliches Eldorado. Gesammelt wurde das Wissen in der berühmten Bibliothek von Alexandria. Mit dem Tod Kleopatras, der letzten der Ptolemäer fiel Ägypten an das immer weiterwachsende Römische Reich. Wer es in Rom zu etwas bringen wollte, der studierte zuerst in Alexandria. So etwa Galen, Leibarzt des römischen Kaisers Markus Aurelius. Seine Lehre der Körpersäfte sollte noch Jahrhunderte die Grundlage der Heilkunst bilden.
Ethisch und religiös war Alexandria schon unter der Herrschaft der Ptolemäer bunt – aber meist friedlich. Man verehrte ägyptische, persische oder griechisch/römische Götter und jene Götter die aus den verschiedenen Einflüssen neu zusammenschmolzen – als der römische Kaiser Theodosius I. das Christentum 380 n.Chr. zur Staatsreligion erklärte, wurden die vielen Religionen der Stadt zur Irrlehre erklärt. Auch wenn in vielen Teilen des römischen Reiches Tempel geschlossen und heidnische Kultpraktiken verboten wurden, Alexandria konnte seine multireligiöse Identität nicht abschütteln.
Für die dogmatischen Patriarchen des „Wahren Glaubens“ war die Vielgötterei Alexandrias vor allem eines: Reine Häresie.

Hypatia

Dies ist das Alexandria in der Hypatia, Tochter des berühmten Mathematiker Theon von Alexandria, lebt und arbeitet. Als Philosophin der Neuplatonischen Schule, Mathematikerin und Astronomin ist sie eine geachtete Persönlichkeit, schreibt Kommentare zu Werken berühmter Männer und ihre Schüler, Heiden wie Christen, füllen den Hörsaal in dem sie Vorträge darüber hält wie Mathematik und Astronomie zur Erkenntnis des höchsten Prinzips genutzt werden könnten. Die Koexistenz in Hypatias Lehrsaal ist auch deswegen möglich, weil sie auf wissenschaftliche Reflexion mithilfe Mathematik und Astrologie pocht.
Den im Gegensatz zu anderen Neuplatoniern praktiziert sie keine der unter ihnen üblichen religiösen Praktiken. Magie und Orakeln kann sie nichts abgewinnen.
Hypatia ist eine Wissenschaftlerin nach fast modernen Vorstellungen und pflegt durch ihre Schüler die oft aus allen Ecken des Oströmischen Reiches kommen Kontakte bis nach Konstantinopel. Gegen Druck und Bestechung ist sie praktisch immun und nimmt auch keine der Religionen in Schutz.

Wie keine andere Dynastie horten die Ptolemäer Schriften Gelehrter in der berühmtesten Bibliothek der Menschheit – darunter auch wahrscheinlich Homers vollständige Fassung seiner Epen. Aber auch bahnbrechende Schriften aus Medizin, Mathematik und Astrologie. Unweigerlich fragt man sich in welcher Welt wir leben würden, wäre sie nicht mitsamt ihren Schätzen ein Raub der Flammen geworden.

Der letzte Tempel

Es ist ein Blick in eine Zeit die das Licht Christi nicht kannte. Als beim Bau einer Kirche die Überreste eines Mithras-Tempels zum Vorschein kommen, regt sich unter Heiden Ehrfurcht und unter den christlichen Bauherrn Abscheu und Ekel. Die Funde werden dem Spott preisgegeben. Man stellt sie aus, zertrümmert und bespuckt das steinerne Antlitz des Mithras – vor den Augen seiner Anhänger. Das die Heiden daraufhin zu den Waffen greifen scheint zum Kalkül einiger Christen zu gehören, denn bei den folgenden Straßenkämpfen haben die Heiden das Nachsehen. Zu gut organisiert ist die christliche Gemeinde in Alexandria im Jahre 391 n.Chr.
Geschlagen flüchten die Heiden in das Serapeum, das große Heiligtum des griechisch/ägyptischen Gottes Serapis, wo sie sich um ihr Leben bangend verbarrikadieren.
Vertreter des Kaisers sind beim Anblick dieser Eskalation entsetzt. Sie erinnern den mächtigen Patriarchen von Alexandria, Theophilus, an das Hauptinteressen des römischen Kaisers: Stabilität in der wirtschaftlich unentbehrlichen Stadt.
Um die Situation zu entschärfen wollen die kaiserlichen Vertreter Nachsicht mit beiden Seiten zeigen, doch da ist es bereits zu spät, der religiöse Eifer der Christen zu schnell.
Das Serapeum wird mit brennenden Fackeln und Waffen gestürmt. Es kommt zu Toten und am Ende wird die Statue des Serapis aus dem Heiligtum gebracht und zerstört. Die Ironie dahinter; der griechisch/ägyptische Serapis wurde einst von den Ptolemäern „erdacht“ um Einigkeit unter Griechen und Ägyptern zu bringen. Gegen den Monotheismus hat der altehrwürdige Gott aber verloren. Die Reste seiner Statue werden johlend durch die Gassen geschleift. Patriarch Theophilus, der bereits seit 385 n.Chr. gegen den „Irrglauben“ der Heiden vorgeht, sieht zufrieden dabei zu als das letzte bedeutende Heiligtum der alten Götter seinem einzig wahren Gott weicht.

Christlicher Eiferer stürmen den Tempel des Serapis – eines der letzten große Heiligtümer des alten Glaubens.

Eiferer aus der Wüste

Der Verfall einer der wichtigsten Städte zum Unruheherd des oströmischen Reiches ist für Kaiser Theodosius II. eine Schmach. Immer mehr wird deutlich das sich der neue Patriarch von Alexandria nur einer Macht unterordnen will: Gott.
Theophilus Neffe und Nachfolger ist bereits bei seinem Antritt zum Patriarchen heftig umstritten. Kyrill gilt als religiöser Hardliner der seine klerikale Ausbildung in einem Kloster, mitten in der Einöde der nitrischen Wüste durchlaufen hat. Wer als junger Novize dieses abgelegene Kloster betritt kommt in der Regel als dogmatischer Kirchenmann wieder heraus.
Jahre des Studiums in der Wüste und der immer noch praktizierte Götzendienst der alexandrinischen Heiden brachten ihn zu der Überzeugung das er als Patriarch über dem Statthalter -dem verlängerten Arm des Kaisers- stehen sollte um Gottes Willen ausführen.
Um den göttlichen Willen zu vollstrecken gibt es eine Gruppe religiöser Eiferer auf die er sich stets verlassen kann: Die Parabalani – die Ruchlosen.
Einst waren sie es, junge Männer aus der ärmsten Schicht, die aus christlicher Nächstenliebe die ansteckenden Pesttoten aus der Stadt trugen. Sie hatten ihr Leben Gott verschrieben. Die ideale Privatarmee des Patriarchen, der während der Herrschaft Theodosius II allerdings „nur“ noch 500 von ihnen um sich scharen darf. Zu zahlreich und gewaltbereit sind sie Kaiser und Statthalter geworden – auch wenn beide Christen sind, trauen sie dem mächtigen Kirchenmann alles zu.
Dieser „terroristische Wohltätigkeitsverein“ der Parabalani, ist es der 414 n. Chr. das jüdische Viertel stürmt. Wer von der seit Jahrhunderten ansässigen Jüdischen Gemeinde das Pogrom überlebt, wird hinaus in die Wüste gejagt.
Synagogen lässt Kyrill in Kirchen umbauen, beschlagnahmt ihre Häuser – alles vor den Augen des zivilen Statthalters (Praefectus Augustalis) Orestes – der theoretisch der mächtigste Mann der Stadt ist.

Orestes ist getaufter Christ und wie viele andere gemäßigte Christen in Alexandria von dem Blutbad entsetzt. Seine Versuche zwischen Heiden und den radikalen Christen zu vermitteln bleiben erfolglos. Wenig später wird der Statthalter selbst zum Ziel der Parabalani. In einer Gasse laueren sie ihm auf und fordern von ihm Partei für sie und den Patriarchen zu ergreifen. Orestes erteilt ihnen eine Absage. Das genügt um die Situation eskalieren zu lassen. Steine werden geworfen und einer davon trifft dem Statthalter an der Schläfe, sodass dieser zu Boden geht. Nur das beherzte Eingreifen der anwesenden Bürger rettet ihn vor der Raserei der „Ruchlosen“ wie die Parabalani auch genannt werden. Orestes Leibwache hat da bereits das Weite gesucht.
Orestes überlebt. Der Attentäter – Ammonius- wird öffentlich gefoltert und hingerichtet. Der Preis der fällig ist, wenn man die Hand gegen Vertreter des Kaisers erhebt.
Kyrill sieht die Sache anders – er erklärt Ammonius zum Märtyrer, der für seinen Glauben gestorben ist. Damit ist der Bruch zwischen irdischer und weltlicher Macht offensichtlich. Orestes der den Patriarchen nicht einfach in Ketten legen lassen kann, braucht einen parteilosen Vermittler um Alexandria zu befrieden. Er wendet sich an seine ehemalige Lehrerin: Hypatia.

In Alexandria verschmelzen verschiedene Kulturen. Hier, der ägyptische Begleiter ins Totenreich, Anubis in typisch griechisch/römischen Stil geschaffen. Vatikanisches Museum, Rom, 2019.
Büste des Serpais im Vatikanischen Museum in Rom. Ein Gott der Einigkeit, doch gegen den Zorn der frühen Christen hat auch dieser Gott keine Chance.

Üble Nachrede mit noch übleren Folgen

Hypatia soll zwischen der Allianz aus Heiden, Juden und Christen und den radikalen Christen die hinter ihrem Patriarchen stehen, vermitteln. Den wer, wenn nicht eine geachtete Wissenschaftlerin, die sich aus jeden Konflikt heraushielt wäre besser geeignet einen Frieden zu vermitteln? Hypatia willigt ein und unterschreibt damit unbewusst ihr Todesurteil. Zu einem Gespräch zwischen Kyrill und Hypatia sollte es nie kommen.
Kyrill der sich nun in seiner Machtposition bedroht fühlt, beginnt üble Verleumdungen über Hypatia zu streuen. Um ihre angesehene Stellung zu untergraben nennt Kyrill so ziemlich alles was das zeitgenössische Repertoire über Frauen die sich nicht als Mutter und Ehefrau sehen hergibt. Auch ihre Zugehörigkeit zum Neuplatonismus wird ihr nun zum Verhängnis, auch wenn sie wie andere dieser Schule nie zu Magie und Orakeln gegriffen hatte, wird der rationalen Philosophin genau das vorgeworfen: Schadzauber. Ihre Schüler habe sie verhext und Orestes selbst habe sie verzaubert um ihn gefügig zu machen.
Ob Kyrill die folgende Tragödie bewusst provoziert oder seine Anhängerschaft eine tödliche Eigendynamik entwickelt, – es wird dem Patriarchen egal gewesen sein.

Vielleicht wäre der Nachwelt eine interessante Debatte zwischen einer Philosophin und einem dogmatischen Eiferer hinterlassen worden, hätte Hypatia Kyrill an einem anderen Tag aufgesucht. Doch an jenem Tag im März 415 n. Chr. kocht die Stimmung dank Kyrills Schmähungen selbst für Alexandria extrem.
Im Vertrauen auf ihre hohe Stellung, besteigt sie dennoch ihren Wagen der sie zu Kyrill bringen soll. Schon bald bleibt der Wagen in den Menschenmassen die die Straße säumen stecken. Flüche und Verwünschungen werden der Philosophin entgegengeschleudert und im nächsten Moment blockiert eine gewaltbereite Menge die Weiterfahrt komplett. Hypatia wird aus ihren Wagen gezerrt, ausgezogen, geschlagen und ins Caesarium verschleppt.
Dort werden bereits Tontöpfe zerbrochen und deren Scherben verteilt. Als der Mob Hypatia dort zu Boden wirft wird sie mit den Scherben zu Tode verstümmelt.

Hypatia wird von einer wütenden Menge aus ihrem Wagen gezerrt und durch die Straßen von Alexandria gezerrt.

Makaber ist das es von Hypathais grausamen Ende mehr Versionen gibt als von ihren Werken. Der Tod der angesehenen Frau schlägt Wellen, denn in den Details übertrumpfen sich die verschiedenen Darstellungen mit grausamen Details.

Neben der Version in der Hypatia, noch auf dem Weg zum Patriarchen, von ihren Wagen gezerrt und anschließend im Caesarium zu Tode verstümmelt wird, schreibt der ägyptische Bischof Johannes von Nikiu im 7. Jahrhundert, dass der Mob die Philosophin bei ihrer liebsten Beschäftigung vorfand: Bei einer ihrer Vorlesungen, umringt von ihren Schülern die an ihren Lippen hängen. Der Mob, angeführt von den Parabolani platzt herein und zerrt Hypathia aus dem Saal. Ihre Schüler sind machtlos und können nur hoffen nicht das gleiche Schicksal wie ihre verehrte Lehrerin zu erleiden, deren Schreie sie mit anhören müssen als der Mob ihr die Leiber vom Kleid reißt und sie solange durch die Straßen zerrte bis sie stirbt.

Gesühnt sollte ihr Tod nie werden. Ihr mutmaßlicher Mörder Kyrill wird nach ihrem Tod so mächtig, dass sein Rivale und Hypatias einstiger Schüler Orestes aus den Quellen verschwindet. Wahrscheinlich auch weil der oströmische Kaiser mit den Grenzüberfällen der Hunnen beschäftigt ist lässt er die Affäre fallen.
Kyrill hingegen wir mit dem anbrechenden Mittelalter bis heute als Heiliger und Kirchenlehrer verehrt.

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