Altes Anatolien: Die vergessene Welt der Hethiter:

Bereits in der Antike gerät die einstige Großmacht in Vergessenheit. Herodot „Der Vater der Geschichtsschreibung“, etwa sieht in ihren Überresten, wie dem Felsrelief von Karabel, Spuren der Ägypter. Erst im Alten Testament tauchen die Hethiter wieder auf und bleiben wie vieles darin Stoff für Legenden – mit einem Funken Wahrheit. Erst als 1905 Tontafeln entdeckt und später übersetzt werden können, lichtet sich der Nebel der Vergangenheit und eine faszinierende Kultur findet nach und nach – wenn auch lückenhaft – Eingang in die Geschichtsbücher.

Rechts unten: Lange hält man ihn für einen ägyptischen Pharao: Großkönig Tarkasnawa, Herrscher über eine der aufsteigenden Großmächte des Alten Orients.

Bau-und Kriegsherrn

Woher die Hethiter einst kamen ist ebenso rätselhaft wie ihr plötzliches Verschwinden. Entweder vom Westen her über den Bosporus oder aus dem Osten über den Kaukasus, wandern die Hethiter nach Anatolien ein, wo sie sich mit den ansässigen Hattiern vermischen. Die Hethiter nehmen die hiesigen Mythen in ihre Kultur auf und bringen eine neue Sprache in den vorderen Orient: Das Indogermanische.
Die benachbarten Assyrer werden neugierig – und unruhig. In der altassyrischen Hauptstadt Aššur beginnt man auf Tontafeln mitzuschreiben:
Um 1730 v.Chr. herrscht Großkönig Anitta über die Hethiter. Sein Reich wächst bedrohlich schnell, denn die Hethiter verfügen über einen technologischen Game-Changer:
Robuste Werkzeugen und Waffen aus Eisen. Damit sind sie den spätbronzezeitlichen Völkern des Vorderen Orients weit überlegen.
Großkönige wie Anitta, dessen Existenz durch neuere Funde belegt ist- herrschen dank der fast schon industriellen Verhüttung des Rohstoffes mit uneingeschränkter Macht.
Die Herrscher der Hethiter regieren von einem eisernen Thron aus, wer sich ihnen nicht beugt spürt die Macht ihrer – ebenfalls eisernen- Zepter.
So erobert und plündert Anitta die Handelsstadt Hatuša im anatolischen Hochland. Er lässt die Stadt aus unbekannten Gründen niederbrennen, obwohl sie strategisch günstig liegt. In den Tontafeln heißt es der König habe gar einen Fluch über die Ruinen der Stadt gelegt – woher der Zorn kommt, darüber schweigen die Tontafeln.
Das Potenzial ihrer Lage erkennt erst 150 Jahr später Großkönig Hattusili I. . Er lässt die Stadt neu errichten, baut sie weiter aus und macht sie zu seiner Herrschaftsresidenz.
Hier schlägt fortan das Herz des Hethiter-Reiches. Die ehrgeizigen Eroberungsziele seiner Vorgänger führt Hattusili I. fort. Er unterwirft immer mehr syrische Stadtstaaten und damit gehen auch die vielsprechenden Handelsrouten auf sein Reich über.
Das einst verfluchte Hatuša schwillt dank Gold, Silber, Zinn und wertvollen Stoffen zu einer pulsierenden, wohlhabenden Metropole an.
Um die Versorgung der wachsenden Bevölkerung zu gewährleisten werden Staudämme wie jener von Alaca Höyük erbaut um die Bewässerung der Felder zu gewährleisten, denn die Bevölkerung wächst stetig. Historiker schätzen die Anzahl der Untertanen allein in Hattuša zu dieser Zeit zwischen 5000 und 10 000 – für bronzezeitliche Verhältnisse eine Metropole.

Das Löwentot von Hattusa, wurde 1906 freigelegt.


Auch wenn Streitigkeiten unter den Hethitern und ein ermordeter König nach dem nächsten das Wachstum des Reichs bremsen – um 1500 v. Chr. Kann sich das Hethiter-Reich zu den Big-Playern des alten Orients zählen. Hattusili’s Nachfolger und Enkel Muršili I. soll in dieser Zeit gar die mesopotamische Metropole Babylon erobert haben. Eine Bedrohung werden die Hethiter vom Aufstieg bis zum Fall ihres Reiches nicht loswerden; Das räuberische Volk der Kaškäer fällt jedes Jahr von den Ufern des schwarzen Meeres aus pünktlich zur Erntezeit der Hethiter plündernd ins Land ein. Trotz überlegener militärischer Schlagkraft werden die Hethiter ihre Erzfeinde nie bezwingen können.

Großmacht der Bronzezeit, dank Eisen. Das Hethiterreich ist um 1300 v.Chr. eine dominierende Hochkultur.

Kampf der Hochkulturen

Die Blüte des Hethiter- Reichs beginnt mit einem Brudermord. Šuppiluliuma I. der seinen Bruder stürzt und ermordet, formt das Reich endgültig zu einer Großmacht das unter seiner Herrschaft Syrien und ganz Kleinasien verschlingt.
Damit steht das Hethiter-Reich im Süden an der Grenze zu Ägypten. Das Verhältnis ist Anfangs friedlich. Davon zeugt die Korrespondenz zwischen hethitischen und ägyptischen Hof. Für ihre hohe Heilkunst bekannte ägyptische Ärzte weilen sogar selbst in Hattuša. Gut möglich das der Großkönig selbst ihre Dienste in Anspruch nimmt, bevor sich das Verhältnis verdüstert.
Der Zankapfel zwischen den Hochkulturen sind Teile des heutigen Syriens und es kommt zum unausweichlichen Krieg zwischen den Großmächten, der in einem Friedensvertrag zwischen Pharao Ramses II. und Hattušili III. endet. Eine Kopie davon hängt heute im UNO-Hauptquartier – ein Symbol für diplomatische Konfliktlösung. Das berühmte Bildnis von Ramses II. der die auf seinem Streitwagen die Hethiter niedermacht, ist nichts weiter als ein frühes Beispiel herrschaftlicher Propaganda. Den einen eindeutigen Sieger gibt es nach der Schlacht von Kadesch am Orontes 1285 v.Chr. nicht.

Ramses II rühmt sich in seinem Denkmal Abu Simbel als eindeutiger Sieger. In Wahrheit hätte die Schlacht gegen die Hethiter beinahe in einer Katastrophe geendet.
Um ihre Macht auszubauen und zu sichern, setzten die Großkönige auf eine schlagkräftige Armee. Ihre Städte und Garnisonen erhalten aufwendige Wehrmauern. (links unten Relief Hethitischer Soldaten, daneben eine Rekonstruktion eben dieser.

Volk der 1000 Götter

Das Hethiter-Reich bleibt eine Großmacht und um 1200 v.Chr. herrscht der Großkönig über Zypern, fast die ganze heutige Türkei und Syrien bis an die Grenze Ägyptens. Des Großkönigs Macht endet erst dort wo die des ägyptische Pharao beginnt.
Das hethitische Zentrum Hattuša erhält eine fast 7 Kilometer lange Stadtmauer die über 10 000 Menschen und bisher 30 entdeckten Tempeln beherbergt. Über allem thront der Königspalast auf einem Plateau.
Das riesige Reich begegnet seinen Herausforderungen mit einer effektiven und weitestgehend gerechten Verwaltung. Das Hethiter-Reich ist nämlich ein Vasallenstaat. Eroberte Gebiete werden zwar unterworfen, lokale Machthaber bleiben allerdings an der Macht – sofern sie bündnistreu bleiben. Die Götter der Unterworfenen nimmt der Großkönig im selben Zug im eigenen Pantheon auf, was den Hethitern den Namen „Volk der 1000 Götter“ einbringt. Liefert einer dieser Vasallen keine Abgaben oder keinen militärischen Beistand, wird an seiner Stelle ein Verwandter des Großkönigs eingesetzt.
Ein Eid bindet die Vasallen und Vizekönige an den Großkönig – der zeitgleich auch oberster Priester ist. Stirbt der Großkönig übernimmt seine Witwe als oberste Priesterin.
Religiöse Kulte widmen laut der gefundenen Tontafeln die Hethiter viel ihrer Zeit. Auch hier bedienen sie sich von außerhalb. Ihre Mythen kommen von den Hattiern und Hurriten. Beschwörungen, Leberschau – ohne sie trifft der Großkönig keine Entscheidungen.

Die Hauptgöttin ist die Sonnengöttin, der vor allem in ihrem Kultzentrum Arinna gehuldigt wurde. Wie viele Gottheiten war auch sie hurritschen Ursprungs.

Zur Zeit seiner größten Ausdehnung nehmen interne Machtkämpfe zu. Wer darin in jungen Jahren dahinscheidet hat in seinem früheren Leben die Götter erzürnt – so die religiöse Schlussfolgerung. Wer hingegen im Leben seine Ahnen ehrt dem winkt die Hethitische Version des Paradieses: Eine Viehweide. Eine ordentliche Bestattung der Toten stellt sicher das ihre Geister nicht für Angst und Schrecken unter den Lebenden sorgen. Das gilt vor allem für den Großkönig. Den als Mittler zwischen Menschen und Göttern wäre sein nach Ruhe lechzender Totengeist mehr als schlimm.

Das Hetither-Reich in seiner Blüte, bevor es eine Verkettung unglücklicher Ereignisse auslöschte.
Letzter Auftritt der Hethiter für lange Zeit: Der Söldner Urija im Dienste König Davids.

Ende mit Schrecken

Das Ende kündigt sich schleichend an, als Fernhandelsbeziehungen unterbrochen werden und sich damit die Versorgungslage rapide verschlechtert. Vasallen begehrten deswegen auf. Auf Palastintrigen folgen vermehrt Einfälle Kaškäer, die mit es mit dem strauchelnden Riesenreich noch leichter haben. Dann kommen die Dürren – aufgrund des niedrigen Waldbestandes der ständig niedergeholzt wird um die Eisenhütten zu befeuern. Generell scheint es den östlichen Mittelmeerraum um 1177 v.Chr. schwer zu treffen. Blühende Städte wie Mykene, Milet und das legendäre Troja verschwinden.
Schuld an dem Chaos sollen die rätselhaften Seevölker sein, wie es Ramses III. beschreibt, nachdem er dieses wilde Volk aus Seefahrern später bezwungen hat.
Hattuša wird bereits 1180 v.Chr. aufgegeben – anscheinend um es anderswo neu zu gründen. Der Großreich zerfällt in kleine neuhethitische Königtümer, die von den assyrischen Königen in deren Reich integriert werden. Dabei löst sich die faszinierende Kultur der Hethiter auf. Erst in der Bibel taucht ein Hethiter wieder auf: Urija, Söldner in König Davids Heer.

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