Die Zukunft kommt unaufhaltsam in die Wildnis Afrikas. Wer unter den europäischen Mächten den „Wettlauf um Afrika“ gewinnen will muss die Wildnis des Kontinents zähmen. Auf Menschen und Umwelt wird dabei nicht Rücksicht genommen. Willkürliche Grenzen werden gezogen, die einen Spalt durch uralte Welten reißen, Tiere an den Rand des Aussterbens bringen, die den „Fortschritt“ bis dahin in Urwäldern und Savannen überlebt hatten.
Auf der Berliner Kongo-Konferenz wird der Kontinent mit seinen vielsprechenden Rohstoffen unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt – die Hochphase der europäischen Expansion, die einst mit Männern wie Vasco da Gama und Christoph Kolumbus begann.
Großbritannien sichert sich dabei große Teile der Ostküste – das spätere Kenia und Uganda. Um das Maximum aus seiner Kolonie zu pressen soll die British East Africa Company eine Eisenbahnverbindung durch Britisch-Ostafrika bauen. Die Erschließung der Wildnis und ein effizienter Transport der Rohstoffe, sowie die absolute Kontrolle soll die Uganda-Bahn sichern.

Die Schienen werden von Afrikanischen und Indischen Arbeitern verlegt. Eine schweißtreibende und gefährliche Arbeit. Die Schönheit des afrikanischen Busches täuscht. Hitze, Seuchen und ein unüberwindbarer Fluss der sich dem Empire, welches zu dieser Zeit bereits 15% der Landfläche der Erde bedeckt, entgegenstellt wie ein trotziger Naturgeist. Zwar ist die Sklaverei längst abgeschafft, aber da nur wenig Neues aus Afrika die humanistisch aufgeklärten europäischen Metropolen erreicht, bleibt der einzige Unterschied zur Sklaverei das die Kolonialherrn ihre Arbeiter bezahlen.
„Großer weißer Jäger“
Dem Schienenbau stellt sich eine unbezähmbare Wildnis entgegen und vor allem ein Fluss: Tsavo. An dessen Ufern wuchern Dornen und undurchsichtiges Gestrüpp. Hier wird der Bau einer Eisenbahnbrücke zur Herkulesaufgabe.
Im März 1898 erreicht Henry Patterson, ein erfahrener Ingenieur der viele der unzähligen Ecken des British Empire als Offizier und Jäger bereits kennt die Baustelle am Tsavo. Sein Auftrag: Die Koordination des Bauvorhabens.
Er kennt die dichten Dschungel Indiens wo er zwölf Jahre stationiert war und das wilde Südafrika. Hier im wilden Busch Kenias mit Blick auf den Gipfel des Kilimandscharo will er seiner Karriere den finalen Schlief geben. Die Wildnis an den Ufern des Tsavo soll bald unter britischer Kontrolle stehen, sobald die Eisenbahn das Dickicht durchneidet wie ein Lichtstrahl die Finsternis. Für Menschen wie Patterson hat die unberührte Natur nur darauf gewartet vom menschlichem Fortschritt zurecht gestutzt zu werden.




Wären da nicht die Geschichten, die unter den Arbeitern kursieren. Von Klauen und Zähnen die einen in der Nacht aus dem Zelt ziehen, Schreie aus dem dornigen Gestrüpp zwischen den krummen Bäumen. Abdrücke von riesigen Pranken. Arbeiter die schreiend in der Wildnis verschwinden. Dort draußen lauert ein uralter Tod – Menschenfresser heißt es. Patterson meint Arbeiter und Raubkatzen gleichermaßen gut zu kennen. Der karge angesparte Lohn und damit der Neid anderer Arbeiter sei den neulich verschwundenen beiden Vorarbeitern zum Verhängnis geworden und Großkatzen jagen und töten höchst selten Menschen wie er auf seinen Reisen gelernt hat. Die hiesigen Löwen würden sich nie so nah an die geschäftige Zeltstadt der Arbeiter wagen. Zu viel Lärm, zu viele fremde Gerüche. Die Geschichten über menschenfressende Löwen tut er als Humbug ab.
Wenige Wochen später legt sich ein Jemadar (Aufseher) nach einem langen Arbeitstag in seinem Zelt zur Ruhe. Den Sonnenaufgang erlebt er nicht mehr. Wild gestikulierend schildern die aufgebrachten Arbeiter Patterson am nächsten Tag wie sich in der Nacht eine Bestie an sein Zelt schlich. Fauchen, das Reisen der Zeltplane und ein markerschütternder Schrei seien das letzte gewesen was vom Aufseher zu hören gewesen waren, ehe das Tier ihn hinaus in die Wildnis verschleppt hatte, als wäre er eine Gazelle und kein Mensch.
Ungläubig aber schaudernd folgt Patterson den Blutspuren – weit muss er sich nicht in den tiefen Busch wagen bis er auf die kümmerlichen Überreste des Aufsehers stößt.
Nun ist ihm klar das die Geschichten bittere Realität sind. Aber nichts mit dem der erfahrene Jäger nicht fertig werden könnte. Ein paar durch Löwen getötete Arbeiter- ungewöhnlich aber mit einem gut platzierten Treffer aus einem seiner Jagdgewehre wäre der Spuk vorbei.
Nicht weit von der Fundstelle entfernt richtet sich Patterson auf einem Hochsitz ein und wartet. Raubtiere kommen zu fressen immer wieder zur selben Stelle zurück wie er weiß.
Am nächsten Tag weiß Patterson zwei Dinge: Es sind zwei Löwen und diese teilen sich das menschliche Buffet das auf der 13 Kilometer langen Bahnstrecke arbeitet und lebt. Während Patterson gegen den Schlaf gekämpft hatte sind abermals Arbeiter verschwunden – davon zeugen Blutspuren die in das Dickicht am Tsavo führen.
Den Plan die Löwen am Tag aufzuspüren verwirft Patterson wieder. Zu dicht ist die Wildnis um die Bahnstrecke – die Löwen hätten Patterson schon längst angefallen bevor er auch nur den Lauf auf einen von ihnen richten könnte. Nicht wenige ihrer Opfer werden zu den weiter entfernten Felsen verschleppt wo sich ihre Spur völlig verliert. Weder Warnschüsse in den nächtlichen Wald aus dessen Finsternis die fluoreszierenden Augen der Bestien ihre Opfer taxieren, noch künstliche Waldbrände schrecken die Tiere ab.
Der Terror der Löwen beginnt nun so richtig, zu leicht sind die Arbeiter für sie zu erbeuten.
Terrorregime der Raubkatzen

Pattersons Machtlosigkeit scheint die Löwen noch mehr zu ermutigen, indem sie des Nachts noch weiter in die Lager eindringen und zwischen Baumaterial und Zelten auf die Pirsch gehen. Die markerschütternden Schreie ihrer Opfer versetzten jene die den nächsten Morgen erleben in Furcht und Schrecken.
Man beginnt sich vor den blutdürstigen Bestien zu verbarrikadieren. Es werden sogenannte „Bomas“ meterhohe Zäune aus den umliegenden Dornenbäumen um die Lager errichtet, die die Arbeiter schützen sollen.
Doch der Blutdurst der Löwen ist stärker.
Am nächsten Tag soll man in den Bomas noch Fetzen ihrer Opfer gefunden haben. Die Löwen waren einfach darüber gesprungen, hatten ihre „Beute“ mitgezerrt.
Die Reste ihrer Opfer findet Patterson nun nicht mehr gute hundert Meter entfernt im Busch, sondern nun in weniger als 30 Meter Entfernung vom Lager. In der Nacht soll man das Knacken der menschlichen Knochen gehört haben, wenn sich die Löwen daran gütlich taten. War es die letzten Wochen immer nur einer der zwei Löwen der in der Nacht auf die Jagd ging, gehen nun beide gleichzeitig auf die Pirsch.
Es ist der grausige Höhepunkt im Horror am Tsavo und die Kolonialmacht kann nur tatenlos zusehen.
Hatten die Weißen nicht Gewehre? Brachten nicht sie Dampfkraft und Elektrizität ins Land? Der Machtanspruch des Empires gerät zwischen Löwengebrüll und sengender Hitze ins Wanken.
Kann es sein das zwei blutdurstige Löwen den Fortschritt bremsen?
Es scheint das mit dem Eintreffen des „großen weißen Jägers“ ihre Attacken zugenommen haben. Die Rache der Natur für die rücksichtlose Inbesitznahme ihres Lebensraums? Viele der verängstigten Arbeiter sind sich sicher das in den beiden Löwen rachedurstige Geister toter Häuptlinge oder erzürnte Dämonen stecken.
An Schlaf ist nicht mehr zu denken, womöglich ist Patterson selbst das nächste Opfer. Aber nicht unbedingt eines der beiden Raubtiere.
Die Machtlosigkeit ihrer Kolonialherren im Angesicht der Bestien sorgt für Wirbel unter den Arbeitern. Patterson verliert an Autorität und Respekt, nur knapp entgeht er laut eigener Aussage mehreren Mordanschlägen.
Der lange Arm des British Empire, verstümmelt durch die Attacken zweier Löwen, kann hier nichts mehr ausrichten – die Arbeiter legen ihre Arbeit nun völlig nieder.
Der Bau der Uganda-Bahn wird bis auf weiteres nicht fortgeführt.

Patterson gibt sein erfolgloses Bemühen auf. Ein noch längerer Stillstand der Bautätigkeit könnte ihn in Ungnade fallen lassen, ganz zu schweigen von den nun über hundert Opfern der Löwen. Er bittet per Telegramm den britischen Bezirksbeauftragten Mr. Whitehead um Hilfe – Patterson stehe unter Belagerung. Mr. Whitehead sichert ihm Hilfe in Form von Hilfssoldaten zu.
In der Hoffnung der Raserei der Löwen endlich ein Ende zu machen, erwartet Patterson die Verstärkung sehnsüchtig Anfang Dezember.
Kaum angekommen wird Whitehead aus dem Nichts von einem der Löwen angefallen. Whitehead entkommt nur knapp mit einem zerschlitzten Rücken, einer seiner Hilfssoldaten wird vom zweiten Tier gepackt und verschleppt.
Whitehead wird vom Polizeipräsidenten Mr. Farquhar abgelöst der mit 20 indischen Soldaten „Sepoys“ anrückt. Patterson hat auch schon eine Idee wie man die Bestien der Gerechtigkeit zuführt.
Eine Kastenfalle mit zwei Kammern in der die Soldaten mit geladenen Gewehren als vermeintlicher Köder auf die Löwen warten. Kommen sie herein wird ein Fallgitter herabgelassen das sie vor den Raubtieren schützt, dann hätten sie freie Schussbahn.
Als einer der Löwen in die Falle tappt geht alles schief. Das Tier brüllt, bleckt die Zähne, schnappt nach den Soldaten was diese selbst hinter dem sicheren Gitter so sehr in Angst versetzt das alle 20 Schuss daneben gehen.
Das Tier entkommt. Mr. Farquhar und seine Soldaten reisen mit einer Mischung aus Scham und Verstörtheit wieder ab.
Patterson ist nun seit 6 Monaten am Tsavo und mit seinem Latein am Ende. Das Bauvorhaben liegt brach. Britanniens Rennen um Afrika aufgehalten von zwei blutrünstigen Bestien. Vielleicht glaubt auch er als aufgeklärter Europäer nun an die Mythen der Arbeiter. Dann, am 9. Dezember als die Löwen abermals in das Lager eindringen gelingt es ihm einen der Löwen anzuschießen während dieser seine Zähne in einen unglücklichen Arbeiter bohrt. Beide Tiere entkommen und Patterson ahnt das sie zu ihrer Beute zurückkehren werden. So verschanzt er sich auf einem Hochsitz, bereit in der Nacht das Tier zu erlegen, für das er einen Köder auslegt.
Er ahnt nicht das die Löwen nun ihn anvisieren.
„Der Jäger wurde der Gejagte […] begann der Löwe sich an mich heranzupirschen! Für etwa zwei Stunden versetzte er mich in namenlose Schrecken, indem er immer näher heranrückte.“
Patterson bleibt konzentriert und feuert sobald er das Tier vor dem Lauf hat.
Am nächsten Tag die Erleichterung: Der erste Menschenfresser liegt tot im Busch. Erleichterung und Feierstimmung breitet sich unter den Arbeitern aus. Patterson ist zuversichtlich auch den Zweiten zu erlegen.
Wenige Tage später schleicht der letzte Löwe durch das Lager, dieses Mal sind es zwei Ziegen die sich das Tier holt. Patterson legt einen Köder aus und lauert dem Tier auf. Patterson, bereit den Menschfresser zu erschießen, verfehlt den Schuss.
Doch er ist sich sicher, dass das Tier auch dieses Mal zurückkehren wird um sich die Reste der Ziegen zu holen.
Patterson wartet abermals und in dieser Nacht trifft er das Tier. Dann endet der Terror nach Monaten. Patterson glaubt der Löwe sei an seinen Wunden erlegen. Zögernd aber zuversichtlich nehmen die Arbeiter wieder ihre Arbeit auf. Dann, zehn Tage später, flüchten Träger ins Lager zurück – der Menschenfresser lebe und habe sie angegriffen. Tote gibt es dieses Mal nicht aber die Angst kehrt wieder in die Lager zurück. Und es wird erst ein Ende geben, wenn der Menschenfresser tot ist.
Entschlossen nimmt Patterson abermals seine Position auf einem Baum ein, nahe der Stelle wo der letzte Angriff erfolgte. Im Schein des Mondes sieht er die leuchtenden Augen des Löwen der geradewegs auf ihn zuhält. Ein Schuss donnert durch die Nacht. Der Löwe heult vor Schmerz auf und verschwindet im Gestrüpp.
Patterson gönnt sich keine Ruhe. Kaum geht die Sonne über dem Tsavo auf, folgt er mit einer Handvoll bewaffneter Männer den Spuren. Dabei wagt sich der Trupp weit ins Dickicht. Hinter jeden Baum und jeden Busch könnte der letzte Menschenfresser ihnen auflauern. Das ist sein Revier und egal ob Jäger oder Empire nichts ist hier vor ihm sicher.
Und tatsächlich lauert ihnen der Löwe auf und springt zähnefletschend auf die Gruppe zu als ob die beiden Treffen der letzten Tage wirkungslos an ihm abgeprallt wären. Panik bricht aus. Patterson und seine Begleiter retten sich atavistisch auf Bäume. Unter ihnen der brüllende Löwe der nach ihnen schnappt. Patterson hat nicht vor im Busch zu sterben, noch will er einen weiteren Arbeiter an die Bestie verlieren. Und er will beenden was er angefangen hat. Vom Baum aus feuert er mehrmals auf dem Löwen bis dieser zusammenbricht.
Als sich der Staub legt, klettert die Gruppe vorsichtig wieder von ihren Verstecken herab. Patterson mit stolzgeschwellter Brust geht auf den am Boden liegenden Löwen zu um den letzten Menschenfresser von Tsavo zu begutachten. Ein törichter Fehler wie Patterson später in seinem Bericht festhalten wird, denn tot war das Tier noch lange nicht. Der Löwe sprang auf, bleckte die Zähne und attackiert den Jäger. Patterson der zu seinem Glück noch Munition geladen hatte schießt dem Löwen aus nächster Nähe in Kopf und Brust.
„Er fiel keine fünf Meter von mir entfernt und starb kämpferisch, indem er wild auf einem Zweig herumbiss“

Bestien aufgrund Beeinträchtigungen
Das es Patterson mit wahren Bestien zu tun hatte beweisen mehrere Autopsien der zwei Löwen. Fast 3 Meter lang waren die Menschenfresser – ungewöhnlich groß, selbst für Löwen -und sie waren Brüder. Besonders spannend: Beide litten unter Zahn und Kieferschäden. Die typische Beute eines Löwen war damit unmöglich zu erlegen. Wie der Grizzly der 2003 den Umweltschützer Timothy Treadwell und dessen Freundin überraschend tötete und fraß, gingen auch die Löwenbrüder aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung zur „leichteren Beute“ über.
Pattersons Karriere ist mehr als gerettet. Nun hat er unter Arbeitern und Einheimischen auch den Ruf eines Helden. Von England aus gelangen Glückwünsche in Telegramen und Briefen ein. Zeitung drucken Pattersons Kampf mit den Menschenfressern. Zum Beweis seines Heldenmutes schickt Patterson Haut und Schädel der Löwen nach England. Die Menschenfresser enden als Fellvorleger.

Die Uganda-Bahn kann fertiggestellt werden, den Preis dafür zahlten in den sechs Monaten der Angriffe mindestens 31 Menschen mit ihrem Leben. Patterson selbst schreibt in seinem Buch von 135 Toten.
Hatte man die Natur, durch ihre Zähmung herausgefordert? Waren die untypischen Angriffe der Löwen die Bestrafung für die Selbstüberschätzung der Kolonialmacht?
Vielleicht doch. Das Blutbad am Tsavo war -wenn auch unbeabsichtigt- hausgemacht. Die Ausrottung der Elefanten aus Gier an Elfenbein, bracht das Ökosystem durcheinander. Einheimische Büffel verendeten zudem an der von Europäern eingeschleppten Rinderpest.
Ohne Elefanten breiteten sich Büsche und Bäume rasend schnell aus. Aus einer von Antilopen und Zebras durchwanderten Savanne wurde ein Dickicht aus Büschen und Bäumen. Die eigentliche Beute der Löwen wanderte ab- Die Löwenrudel folgten ihnen, wollten sie nicht verhungern. Zurück blieben zwei Brüder mit Gebissschäden denen nichts anderes übrig blieb als sich an der „neuen Beute“ zu laben.
