Aufstieg der Franken. Teil 1: Der Schrecken am Rhein

Jenseits des Rheins wartet ein neues Leben auf die rastlosen Stämme die sich in den Wäldern des freien Germaniens zu Beginn des dritten Jahrhunderts zusammenschließen. Die Gelegenheit den Rhein, seit Jahrhunderten eine natürliche Grenze zwischen dem römischen Reich und dem Land der „Barbaren“, scheint günstig. Jeder unter den verwegenen „Franken“ hat die Geschichten gehört; von Stämmen wie den Goten, Sachsen und Alamannen die immer wieder den Rhein überqueren, mit Speer und Feuer die Zivilisation aus Aquädukten, Badehäusern, Tempeln, Gutshöfen und Zirkusarenen mit Tod und Raub überziehen. Schwer beladen mit in der Wildnis Germaniens unbekannten Luxusgütern und vor allem Prestige – kehren sie zurück. Ein tapferer Stammeskrieger kann dort drüber sein Glück machen.
Als bekannt wird, dass man dort auf kaum Gegenwehr stößt, tun sich die Stämme zusammen. Als Franken wird der Stammesbund in die Geschichte eingehen. Am Anfang steht ein ausgedehnter Raubzug wilder Krieger, am Ende eine Supermacht des anbrechenden Mittelalters.

Seine Grenzen, wie hier am germanischen Limes, kann das Weströmische Reich in der Spätantike nur mit Mühen schützen.

Nicht ohne Grund liegen die römischen Provinzen westlich des Rheins wie auf dem Präsentierteller bereit. Einer der vielen Gründe ist das Sassaniden-Reich im Osten. Eine Großmacht mit der Rom schon Jahrhunderte im Krieg liegt und ihn diesmal zu verlieren droht – trotz der Legionen die von der Rheingrenze im Norden abgezogen werden um das Blatt zu wenden.
Die fehlende Manpower am Rhein ist eine Verlockung der die verschiedenen Stämme der Germanen unmöglich widerstehen können.

Um mit den auf Krawall gebürsteten Völkerschaften an allen Ecken fertig zu werden teilten die Römer einst ihr Imperium Romanum unter zwei Augusti (Oberkaiser) und zwei Caesares (Unterkaiser) auf um es effizienter zu schützen. Die sogenannte „Tetrarchie“ (Viererherrschaft) die der Kaiser Diokletian 293 nach Christus ins Leben rief, sollte sein zu groß gewachsenes Reich besser verwalten. Eine Theorie welche die Franken Jahrhunderte später selbst für ihr Reich nutzen werden. Für den Westteil und damit für die germanischen Horden wie die Franken, ist der Augustus Maximian verantwortlich.

Maximian beschließt dem Treiben der „Franci“ wie sie die Römer nennen und sich vom germanischen Wort für „mutig“ oder „wild“ ableiten lässt, ein Ende zu bereiten indem er den Limes und die Rheingrenze sichert. In mehreren Offensiven bezwingt er die Stämme der Burgunden und Alemannen.
Gerade als die Franken die römischen Provinzen verwüsten, eilt Maximian auch ihnen entgegen und bekämpft sie erfolgreich. Gallien ist nach diesen Siegen befriedet und wieder in römischer Hand. Ein fränkischer Heerführer ergibt sich dem Imperator. Gennobaudes – der erste fränkische Name der in Quellen auftaucht.

Beendet ist die Raserei der Franken damit noch lange nicht. Als es im Westreich wieder einmal zu Thronstreitereien kommt nutzen sie das Chaos und wagen sich plündernd bis nach Nordgallien vor. Doch dieses Mal haben sie sich mit dem falschen Kaiser angelegt. Der Augustus Konstantin bekämpft die Eindringlinge erfolgreich und vor allem gründlich. Nicht einmal hinter dem Rhein sind die flüchtenden Franken vor dem Zorn des Imperators sicher. Konstantin folgt ihnen und verwüstet ihre Siedlungen. Zwei Könige der Franken nimmt Konstantin gefangen und lässt sie zur Feier seines Triumphs 307 in der Arena von wilden Tieren zerfleischen.
Der Schrecken sitzt tief, ist aber 355 wieder vergessen. Die Franken wagen sich wieder über den Rhein und erobern Köln, verheeren weite Teile der Provinz. Der Mitkaiser des Kaisers Constantius II, Julian soll gegen die Franken zu Felde ziehen. Diese sind mittlerweile beim heutigen Antwerpen sesshaft geworden. Julian besiegt sie und hat gleich Verwendung für die Besiegten: Die Franken sollen Soldaten stellen – bei den Legionen ist in Krisenzeiten jeder willkommen. Die Truppen am Rhein und in Gallien sollen so aufgestockt werden. Für so manchen Franken tun sich damit ungeahnte Karrierechancen auf.

Klingen der Wurf-Axt „franziska“. Glaubt man der Überlieferung, soll sich der Name der Franken von dieser einzigartigen Waffe ableiten. Denn während Goten und Römer Speere schleudern, decken die Krieger der Franken ihre Feinde mit einem Hagel aus Wurfäxten ein.

Vom Feind zum Freund

Ein Franke steigt dabei besonders hoch auf: Arbogast, einst einer der plündernden Barbaren ist in den Jahren 392/393 der höchste Militär des Westreiches. Der Kaiser verlässt sich auf den Franken und beauftragt ihn gegen seine Stammesgefährten, die wieder einmal römische Provinzen verwüsten, zu Felde zu ziehen.
Arbogast besiegt und unterwirft die Franken und will auch diese unbelehrbaren Wilden dort wo sie vor kurzen noch plündernden ansiedeln. Einmal mehr erhalten die Franken Siedlungsraum auf römischen Boden. Rom macht so aus ehemaligen Feinden „Foederati“, Verbündete, anstelle teurer Legionen die anderswo gebraucht werden. Als Gegenleistung sollen sie ihr neues Land und die Rheingrenze mit ihrem Leben gegen Invasoren verteidigen.
Wahrscheinlich ahnt Arbogast was bevorsteht. Reisende und Händler berichten von einer wahren Völkerwanderung im Osten. Ausgelöst von einem Steppenvolk das unaufhaltsam in Richtung Europa stürmt und dabei keine Gefangenen macht.
Wer kann, flieht westwärts. So auch die Sueben, Vandalen und Alanen. Die fränkischen „Foederati“ können die Katastrophe nicht verhindern als diese Stämme zum Jahreswechsel 406/407 den Rhein überqueren und in die mühsam befriedeten Provinzen bis nach Gallien strömen.
Jahrelang herrscht dort Chaos und Anarchie. Die taumelnde römische Supermacht kann nur zusehen wie die „Völkerwanderung“ sie endgültig in die Defensive drängt.

Die Sal-Franken

Das allgemeine Chaos macht sich der Sal-fränkische König Chlodio zu Nutze. Sein Reich in Nordgallien dehnt er durch Eroberungen bis an die Somme aus. Damit entsteht ein neuer Machtblock. Rom muss nun doch eingreifen, will es den fortwährenden Sturm der Völkerwanderung überstehen. Dem legendäre Heermeister Falvius Aettius gelingt es Chlodio zu bezwingen. Der Römer verfährt wie üblich pragmatisch mit besiegten Germanen und lässt ihn in der Gegend siedeln. Die Franken die den Barbarensturm überstanden haben leben mit der römischen Bevölkerung friedlich zusammen. Es ist der Beginn ihrer Romanisierung in der sie Kleidung, Kultur und Sprache der Römer annehmen. Auch das Christentum hält unter den einstigen Barbaren vermehrt Einzug.
Es ist das letzte Mal das Rom den wandernden Franken Land zuweist, denn von nun an sind die Franken und ihr König sesshaft. Als Sal-Franken oder „Sailer“ werden sie zu den wichtigsten Verbündeten der Römer.
Ganz anders verhält es sich mit den Rheinfranken, den „Ripuarier“, die östlich und entlang des Rheins zurückblieben. Sie bleiben der halbnomadischen Lebensart germanischer Stämme treu und geraten unter die Kontrolle derer vor der einst die Völkerscharen über den Rhein flüchteten: Den Hunnen.

Der römische Heermeister Flavius Aettius, dem die Sal-Franken das Fundament ihres Königreiches verdanken, kehrt nach Gallien zurück.
Sein Auftrag ist die reinste Herkulesaufgabe: Er will die Hunnen die unaufhaltsam bis nach Gallien stürmen stoppen, verfügt aber nicht über eine ausreichende Schlagkraft um den unbesiegbaren Steppenreitern beizukommen. Aettius schließt mit Westgoten, Burgunder, Alanen und den Sal-Franken eine Allianz um sich dem gefürchteten Hunnenkönig Attila und seinen Horden entgegen zu stellen.
Die Schicksalsschlacht im Jahre 451 auf den Katalaunischen Feldern ist eine Schlacht zwischen Völkern. Denn auch die Hunnen sind alles andere als eine heterogene Gruppe. Unter Attilas Banner finden sich neben Hunnen, Gepiden, Sueben, Ostgoten nun auch die Rheinfranken.
Die Schlacht gegen „die Geisel Gottes“, wie die Kirche Attila und seine Krieger später nennen wird, kann gerade noch gewonnen werden. Doch markiert die Schlacht des Jahrhunderts auch das Ende der römischen Herrschaft in Gallien. Die Zentralmacht zieht ihren Verwaltungsapparat ab. Die Gallo-Römische Bevölkerung bleibt wie in anderen römischen Provinzen die in der Spätphase des römischen Reiches aufgegeben werden sich selbst überlassen. Ein Zusammenbruch bleibt allerdings aus. Während andere aufgelassene Provinzen wie England von den Sachsen verwüstet werden, verwaltet sich die Gallo-römische Bevölkerung selbst. Die Verwaltung von Bischöfen und Kirche hält Einzug.

Sein schlimmer Ruf eilt ihm voraus. Attila der Hunne wird von der Kirche als „Geisel Gottes“ gedeutet, der mit seinen brutalen Horden die Römer für ihr lasterhaftes Leben straft. Auch ins Nibelungenlied findet Atilla als „König Etzel“ Eingang.
Attila und sein Nomadenvolk errichten ein gigantisches aber kurzlebiges Reich, das unmittelbar nach Attilas Tod zusammenbricht.

Der Vernichtung durch die Hunnen gerade noch entkommen, können die Sal-Franken ihre kriegerische Natur nach wie vor nicht abschütteln.
Der Sal-Fränkischer König, Childerich, Sohn des Merowech, unternimmt bereits 463 nach Christus Kriegszüge entlang der Loire. Während 476 der letzte Kaiser des Weströmischen Reiches abgesetzt wird und damit die 800jährige Geschichte des Imperium Romanum endet, legt Childerich den Grundstein einer Dynastie die als Merowinger das Frühmittelalter in Europa dominieren wird.

Aus der Asche Westroms erhebt sich eine neue Macht: Die fränkischen Merowinger. Auf diesem Gemälde hält ein „barbarischer Krieger“ die Macht Roms in Form eines römischen Tribun-Helms in Händen.
Siegreich, brutal, mystisch und Namensgeber einer mächtigen Dynastie: König Merowech.

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