Kampf um Frankreich: Pfeilhagel über Azincourt

Wem gehört der Thron von Frankreich? Eine Frage die zum längsten Konflikt Europas führt und die sich 1413 auch der frisch gekrönte König von England, Heinrich V., stellt.
Nie war die Gelegenheit verlockender nach dem französischen Thron zu greifen. Frankreich ist innerlich zersplittert zwischen Aramagnacs und Burgundern – und auf von dem von Heinrich begehrten Thron sitzt der verwirrte und geisteskranke König Karl VI.


Den Anspruch auf den französischen Thron fochte schon sein Urgroßvater Edward III., dessen Mutter Isabelle von Frankreich war, 1346 bei Crècy siegreich aus. Dann brach die große Pest über Europa herein und erstickte weiteres Vorgehen im Keim.
Nun 1415 sendet sein Nachfahre Heinrich V. Eine Forderung an den französischen Hof die es in sich hat:
Die Normandie und weitere Teile Nordfrankreichs sollen an der englischen Krone fallen und Katharina von Valois solle ihn ehelichen – mit der Hand letzterer steht dem 25jährigen Monarchen dann praktisch der Titel des Thronerben von Frankreich zu.
Frankreich lehnt wenig unerwartet brüskiert ab und Heinrich wendet sich seinem noch geheimen Plan zu, den er jetzt in die Tat umsetzt:
Seit Juli 1415 wird unter strenger Geheimhaltung bei Winchester eine Armee aufgestellt. 12 000 Mann sollen Heinrichs Anspruch auf den Thron von Frankreich mit Waffen durchsetzen.
Am 11. August überquert die Armee in Schiffen den Ärmelkanal.

Heinrich V. ist noch ein junger Mann als der Thron von England besteigt

Die Belagerung von Harfleur

Die Franzosen bekommen es dennoch mit immerhin sind 1500 Schiffe im Ärmelkanal ein äußerst seltener und furchteinflößender Anblick. Charles d’Albert, Connètable de France geht vom Schlimmsten aus und erwartet einen Angriff auf Paris.
Doch Heinrich plant die reiche Hafenstadt Harfleuer, an einem Zufluss der Seine zu stürmen. Gut geschützt durch Salzmarschen und einem See und mit dicken Wehrmauern und 400 Ritter geschützt, ist die Stadt schwer zu knacken. Oberbefehl hat Raoul de Gaucourt ein erfahrener Mann der gar nicht daran denkt die befestigte Stadt den Engländer kampflos zu überlassen.

Überlegene Technik aus dem nahen Osten: Wurfgeschosse kann das Trebuchet, auch Blide genannt, bis zu 300 Meter weit schleudern

Noch am 19. August schließen die Engländer die Stadt ein. Walisische Bergleute beginnen die Mauern zu untertunneln. Englische Triboke (Ein leistungsstärkeres Katapult das die Kreuzfahrer aus dem Heiligen Land nach Europa brachten) beschießen die Mauern.
Nahrungsknappheit und die Ruhr, welche auf beiden Seiten wütet bringt dann Raoul de Gaucourt und den ehrgeizigen Heinrich doch an den Verhandlungstisch.
Auch wenn Gaucourt während der Belagerung bereits die Hälfte seiner Garnison verloren hat, der stolze Ritter weigert sich dennoch zu kapitulieren.

Gaucourt setzte seine Hoffnung in den Dauphin (Thronfolger) der ihm mit einem Entsatzheer zu Hilfe eilen würde. Doch der achtzehnjährige Prinz Ludwig von Valois denkt gar nicht daran einen so riskanten Angriff zu führen. In den Quellen wird Ludwig stets als geckenhaft und träge geschildert.
Als das Banner des Dauphins auch nach Wochen nicht vor Harfleuer auftaucht, kapituliert Gaucourt zähneknirschend.

Teuer erkaufter Sieg. Die Stadt Harfleuer ergibt sich nach langem Ringen doch den Engländern, die während der Belagerung unzählige Männer an der Ruhr verloren haben.
Englands unerkannte Superwaffe: englische Langbogenschützen, in Friedenszeiten Bauern, üben seit ihrer Kindheit den Umgang mit dem Langbogen. Schon für Eduard III. brachten sie bei Crècy den Sieg.

Marsch der Verdammten

Ein strahlender Sieg, für welchen man Heinrich in England feiern würde, so die Meinung der königlichen Berater. Frankreich welches von einer Einheit weit entfernt ist, solle man am besten seinen inneren Konflikten überlassen, meint etwa sein Berater Clarence.

Heinrich denkt in seinem jugendlichen Eifer erst gar nicht daran jetzt schon wieder heimzukehren. Es kommt zum Streit zwischen ihm und Clarence. König Heinrich wünscht eine richtige Schlacht, Harfleur war nur ein bescheidener Triumph der den Engländer nur aufgrund der Feigheit des Dauphins zugefallen sei.
Clarence glaubt einen Wahnsinnigen vor sich zu haben und kehrt nach England zurück.

Heinrich, auf sich gestellt, gibt sich siegessicher und macht seine Armee bereit um tiefer nach Frankreich vorzudringen um dort die feigen Franzosen zur Schlacht zu verleiten.
Bei aller Euphorie übersieht Heinrich den Preis der Belagerung von Harfleur. Seine Armee, ebenfalls von der Ruhr betroffen, ist bereits halbiert. 5000 Bogenschützen und 900 Reiter sind erschöpft aber bereit für den Marsch Richtung Calais. Heinrichs nächstes Ziel, das er in acht Tagen erreichen will.

Englische wie französische Ritter schützen sich mit teuren Rüstungen, die ihre Bewegungsfreiheit kaum einschränkt. Schilde werden um 1400 immer weniger genutzt.

Während die Engländer immer tiefer ins Landesinnere vorstoßen, folgen ihnen die Franzosen unter ihrem Befehlshaber d’Albert wie ein Schatten.
Sie blockierten den Übergang an der Somme, die nun entlang des Südufers weiterziehen müssen, ständig unter der Beobachtung der Franzosen. Am 15. Oktober hätten die Engländer laut Heinrich bereits in Calais sein sollen, stattdessen fragt man sich im Gefolge ob man die Somme je überschreiten wird.
Auch wenn der Übergang über die Somme am 21. Oktober gelingt indem man zwei unbewachte Übergänge nutzt, Heinrichs Feldzug droht im Angesicht seiner ausgemergelten Männer zum Fiasko zu werden.

Unter den Franzosen gieren die Adligen danach zuzuschlagen, dringend wollten sie Kriegsruhm ernten indem sie die Engländer überrennen. D’Albert hingegen bewahrt einen kühlen Kopf und beharrt darauf eine Konfrontation zu vermeiden. Immerhin spielen die Zeit und die Ruhr gegen die verirrten Engländer.
Von diesen Einwänden wollen die Adligen nichts hören, so denke und kämpfe kein wahrer Ritter. Für den Adel der die mittelalterlichen berittenen Krieger stellt ist nichts wichtiger als ihr Ansehen.

Schlamm, Blut und Pfeile

Am 24. Oktober taucht das französische Heer in einer Ebene zwischen Azincourt, Tramecourt und Maisoncelle auf. 36 000 Mann rüsten sich für einen einfachen Sieg, immerhin sind die bestens ausgestatteten Franzosen den ausgehungerten und kränkelnden Engländern sechsfach überlegen. Es sind wohlhabende Ritter, die Elite Frankreichs die einen leichten aber unehrenhaften Sieg erwarten. Der englische Langbogen ist für sie eine Waffe für Feiglinge. Für die englischen Bogenschützen, in Friedenszeiten einfache Bauern, hegen sie daher nur Verachtung.

Heinrichs walisischer Vasall Dafyd Gam berichtet seinen König optimistisch:
„Sire. Da sind genügen zum Töten, genügend zum Gefangennehmen und genügend zum Davonlaufen.“

Ungleiche Gegner: Englische Bogenschützen kommen aus dem unterste der 3 Stände des Mittelalters. Nur selten tragen sie einen Brustpanzer. Dafür sind sie wendig und „günstig“. Ihren Tod kann ein Feldherr leichter verkraften. Der typische Ritter, der Chevalier (hier abgesessen), besitzt mehrere Pferde, eine sündhaft teure Rüstung und weiß nach jahrelangem Training mit jeder „ritterlichen Waffe“ umzugehen. Als Adliger kann er damit rechnen gefangen genommen und nicht einfach getötet zu werden.

Um die erwartete Flucht der Engländer zu verhindern werden an den Straßen bewaffnete Posten eingerichtet. Heinrich selbst erwartet einen nächtlichen Angriff und hält seine ohnehin schon ermüdeten Männer die regnerische Nacht über gefechtsbereit.
Als am nächsten Tag die Sonne aufgeht sind die Engländer dabei spitze Pfähle in den Schlamm zur Verteidigung zu rammen, denn der nächtliche Regen hat das künftige Schlachtfeld in einen einzigen Morast verwandelt.
Genau darauf hat Heinrich gewartet. Er hat sein Heer zwischen den Wäldern und Hecken bei Maisoncelle und Tramecourt aufgestellt. Seine schweren Ritter lassen ihre Rösser im Feldlager und werden in der Mitte der englischen Reihe platziert. Flankiert werden die Ritter recht und links von den Bogenschützen die den größten Teil der englischen Armee ausmachen. Um nicht völlig ungeschützt gegen die französischen Ritter zu sein hat jeder einzelne Bogenschütze einen angespitzten Pfahl mitgenommen und als Verteidigungslinie aufgestellt.
So stehen Adlige (die Ritter) und Bauern (die Bogenschützen) Schulter an Schulter. Reserve gibt es keine und auch keinen Rückzugsplan. Ungeachtet ihrer Standesunterschiede müssen beide gemeinsam zusammenstehen, wenn sie den nächsten Tag erleben wollen.

Dann warten beide Seiten bis die andere den ersten Zug tut. Die Franzosen hatten die Nacht in Feierlaune verbracht und so mancher Ritter kuriert in Ruhe noch seinen Rausch aus. Immerhin werden die bestens verpflegten Franzosen mit jeder Stunde stärker, während die Engländer mit jeder Stunde schwächer werden. Aufgrund der Ruhr, es ist der Tag des heiligen Crispian, steht so mancher englische Bogenschütze mit heruntergelassener Hose in den Reihen um seine schmerzhafte, nicht enden wollende Notdurft zu verrichten. Generell sollte Heinrich auf seinem Feldzug mehr Männer durch die Ruhr als durch französische Waffen verlieren.

Der englische König kann nicht länger warten und muss entschieden handeln solange er noch eine halbwegs intakte Streitmacht hinter sich hat.
Er lässt die Kampflinie in die Breite ziehen, sie wird dadurch zwar schmaler aber nun können die Franzosen nur noch frontal attackieren. Die Pfähle der Bogenschützen an den Flanken verhindern den eigentlich geplanten Angriff auf die Flanken. Aus der geraden Frontlinie der Engländer wird so ein Trichter. Eine Falle, wie die Franzosen erkennen aber dennoch bei ihrem Frontalangriff bleiben, denn hatten es nicht die Adligen in ihrer Rüstung, hoch zu Ross zum größten Teil nur mit Bogenschützen aus dem niederen Volk zu tun? Die englische Falle kann gar nicht zuschnappen, sind sich die französischen Ritter sicher.

420 von ihnen galoppieren auf die Engländer zu, die Lanzen im Anschlag in der Erwartung die wenigen Fußsoldaten vor ihnen niederzumähen.
Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Es beginnt damit, dass die schweren Schlachtrösser im Schlamm der vom nächtlichen Regen geschwängerten Wiese steckenbleiben. Wem sein Pferd nicht abwirft, sitzt ab, zieht das Schwert und bleibt fluchend ebenfalls im Schlamm stecken. Wie festgeklebt kommen die schwergepanzerten Elitekämpfer nicht vom Fleck.
Auf englischer Seite lässt Sir Thomas Erpingham genau jetzt seine Bogenschützen feuern.
Eine Wolke aus tausenden von Pfeilen schwirren in diesem Moment durch die Luft und nageln die schutzlosen Ritter und ihre Pferde regelrecht fest.
Gewöhnliche Pfeile würden ab einer gewissen Entfernung abprallen oder ohne angerichteten Schaden in dem Harnisch stecken bleiben doch die Bodkin-Pfeilspitze wurde extra dafür entwickelt selbst die härteste Rüstung zu durchschlagen. Von einem englischen Langbogen abgeschossen richten sie massive Schäden an. Niemand der im Schlamm feststeckt überlebt den Hagel aus Pfeilen der für einen Moment die Sonne verdunkelt hat.

Die nächste Welle an gepanzerten Rittern rückt vor, zu Fuß, den niemand von ihnen will unter seinem getroffenen gestürzten Pferd begraben werden. Scheinbar vertrauen die französischen Befehlshaber auf ihre gepanzerte Überzahl.
Nicht wenige Ritter werden von den verängstigten Pferden ihrer zuvor gefallenen Kameraden zu Tode getrampelt. Aus dem sicheren Sieg wird ein kopfloses Chaos. Die englischen Bogenschützen brauchen nur unablässig in die nachrückenden Reihen der Gegner zu schießen. Mann hat sie fatal unterschätzt. Jeder von ihnen ist in der Lage pro Minute 10 Pfeile zu verschießen – ein unablässiger Regen aus Pfeilen. Die teuren Rüstungen werden den französischen Rittern zum Verhängnis. Atmung und Sicht sind eingeschränkt, während sie durch ein Gebirge aus Schlamm, Leichen und Pferdekadavern auf das englische Zentrum zumarschieren. Dort sind die englischen Ritter bereit sich dem Ansturm entgegenzustellen.

Die Schlachtaufstellung an jenem Tag. Für die Franzosen ist klar wer die Schlacht gewinnt – es sollte in einem Unglück enden.
Die Bodkin-Pfeilspitze wurde nur für einen Zweck entwickelt: Selbst die härteste Rüstung zu durchlagen. Somit kann auch ein Bauer einen Adligen vom Pferde schießen.
König Heinrich hat seine Männer in eine ausweglose Situation gebracht und kämpft nun selbst an vorderster Front.

Ein wildes Handgemenge bricht nun aus. Der ritterliche Nahkampf ist hart und brutal. Mit Schwertern, Äxten und Kriegshammern wird aufeinander losgegangen. Ritter beider Seiten machen ihrem Ruf alle Ehre, den keine der beiden Seiten weicht im Gemetzel von Azincourt zurück.
Wer seine Pfeile verschossen hat nutzt die Erschöpfung der französischen Ritter und stürzt sich ebenfalls in den Nahkampf. Die leergeschossenen Bogenschützen machen dabei von ihren Hämmer Gebrauch mit denen sie die Pfähle zuvor in die Erde getrieben hatten. Da sie als einfache Männer nicht zum Erpressen von Lösegeld taugen lassen sie keine Gnade unter den gegnerischen Rittern walten. Im Gegensatz zu einem Ritter der normalerweise gefangen genommen wird um eben Lösegeld zu erpressen. So mancher Engländer könnte reich werden, nehme er einen französischen Ritter gefangen. Doch an jenem Tag bei Azincourt geht es für sie ums nackte Überleben.
Die Wellen an französischen Gegnern scheinen endlos, doch die Engländer halten Stand – nun völlig ohne Pfeile. Kurz scheint sich das Blatt zu wenden als der Herzog von Brabant mit Verstärkung das Schlachtfeld betritt. Wenig später fällt auch er den mit allen Mitteln kämpfenden Engländern zum Opfer.

Der 100-jährige Krieg geht weiter

Drei Stunden dauert das Gemetzel. Der französische Blutzoll ist enorm hoch, während die Engländer nicht mehr als 112 Gefallene zu beklagen haben. Der englische Sieg ist so spektakulär wie unerwartet. Unerwartet ist auch die Kaltblütigkeit mit der Heinrich seinen überlebenden französischen Standesgenossen begegnet.
Aus Sorge, dass die sich ehrenhaft ergebenen Franzosen ihre hohe Anzahl doch noch zum Angriff nutzen – lässt er sie entgegen allen Regeln des Rittertums hinrichten.

Ein schwarzer Tag für das Rittertum. Den Nimbus ihrer Unbesiegbarkeit verlieren die Ritter im Laufe des Spätmittelalters immer mehr. Neben Langbögen, Armbrüsten und Feuerwaffen werden ihnen auch so vermeintlich einfache Waffen wie die Pike das geharnischte Leben schwer machen.

Vermutlich hat Heinrich V. Nun was er erreichen wollte – einen spektakulären Sieg und die Hand Katherinas von Valois. Somit ist er offiziell Thronerbe Frankreichs. Einen Monat später ist er wieder in England wo er seine Männer reich entlohnen lässt. Shakespeare wird später die „Ruhmestaten“ von Azincourt und Harfleur in seinem nach dem König benannten Drama verewigen.

Die Franzosen hingegen haben an diesem Tag beinahe eine ganze Generation Adliger verloren – niedergestreckt von einfachen Bauern mit ihren Bögen.
Die Moral der Franzosen liegt dementsprechend am Boden. Fortan gilt jener grausige Tag bei Azincourt als „Unglückstag“ und der Fall Frankreichs sollte noch andauern bis ein 19-jähriges Bauernmädchen aus Domrèmy zum Symbol göttlicher Hilfe und Hoffnung wird: Jeanne d`Arc.

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