Nicht gesucht und doch gefunden: Brasilien und der Preis des Zufalls.

Pedro Alvares Cabral kann zwar nicht mit den besten nautischen Fähigkeiten aufwarten, doch am Hof des portugiesischen Königs Manuel I. genießt er ein hohes Ansehen und kommt so an einen begehrten Posten: Oberbefehlshaber der zweiten Indienfahrt über die modernste Flotte ihrer Zeit. Der Auftrag: Handelsbeziehungen aufbauen.
Damit steigt Cabral in große Fußtapfen. Bartholomäus Dias hatte 1488 das Horn von Afrika umrundet und Vasco Da Gama ging noch weiter, durchquerte den bis Dato unbekannten indischen Ozean und fand sich in Calicut, Indien, wieder. Nicht Gold und Edelsteine hatten diese Wagehälse gesucht, sondern Gewürze – im Europa der frühen Neuzeit heiß begehrte Mangelware.
Cabral könnte unermesslich reich werden in seiner neuen Funktion. Im Frühjahr 1500 sticht die Armada, bestehend aus 13 modernen Karavellen und bemannt mit eineinhalb Tausend Mann auf in Richtung Reichtum und sollte eine unerwartete Entdeckung machen.

Vasco da Gama etablierte für den portugiesischen König Manuel I. entlang Ostafrika und Indien Handelsbeziehungen. Dabei arbeitete der ehemalige Teilzeit-Seeräuber auch mit Einschüchterung und Gewalt.
Pedro Álvares Cabral soll diese Handelsbeziehungen weiter ausbauen. Laut den Quellen verfügt der Höfling über exzellente Kontakte am Hofe des Königs aber kaum über nautische Fähigkeiten.

Odyssey Im Atlantik

Bartholomäus Dias, der Bezwinger des Kaps von 1488 ist ebenfalls an Bord und rauft sich die Haare. In Gedanken geht er die bewährte Route die hinter ihnen liegt durch: Vorbei an Madeira und Marokko in die Weiten des Atlantiks um dort mit den Passatwinden in den Segeln sicher das Kap von Afrika zu umrunden. Dann liege der indische Ozean vor ihnen.
Stattdessen: Flaute im Atlantik.
Ob Dias oder Capral, niemand weiß wer sich damals verrechnet hatte. Fest steht das sich die Armada gewaltig verfahren hat. Manuel I. Teuerstes Projekt schaukelt im spiegelglatten Nirgendwo nutzlos vor sich hin. Ein Wettlauf gegen die Zeit und damit dem drohenden Skorbut.
Hat Cabral seine bescheidenen Fähigkeiten überschätzt? Es müssen hitzige Diskussionen zwischen ihm und Dias entbrannt sein, denn wochenlang ist kein Land in Sicht und nun segelt man auch noch ins Unbekannte, denn es sind nicht die ersehnten Passatwinde die die Armada nun vorantreiben.
Nahrung und Süßwasser werden bereits strengstens rationiert um zu überleben, als in den Abendstunden des 22. Aprils 1500 endlich nach langen Bangen Land am Horizont gesichtet wird.

Ponte Pascoal: Der Osterberg.

Endloses Grün hinter malerischen Stränden. Im Hinterland ragt ein hoher Berg einsam aus dem Grün des Urwalds, dahinter ein Gebirge. Den markanten Berg taufen die Seeleute Ponte Pascoal: Der Osterberg.
Die Astronomen an Bord sind sich schnell sicher: Die endlose Landmasse vor ihnen ist Teil der neuen Welt welche die spanische Krone mithilfe eines nun berühmten genuesischen Seefahrers entdeckt und unter Spanien und Portugal durch den Vertrag von Tordesillas von 1494 mitsamt der gesamten westlichen Hemisphäre zugesichert ist.
Mit Einverständnis des Papstes der die beiden katholischen Länder auch damit beauftragt das Wort Gottes unter die Einheimischen der unentdeckten Länder zu verbreiten. Der Westen solle Spanien gehören, der Osten Portugal.
Kurzum: portugiesische Schiffe haben hier eigentlich nichts zu suchen, schon gar keine mit Kanonen bestückte Armada.

Cabrals versehentliche Landung im unbekannten Land, könnte auch Teil eines streng geheimen Plans sein. Nur der König und wenige Auserwählte könnten davon gewusst haben.
Denn auch der Monarch in Lissabon konnte wahrscheinlich nicht wieder stehen einen Teil der Neuen Welt zu entdecken und idealerweise zu sichern und so sollte Cabral unter Geheimhaltung „versehentlich“ in die neue Welt segeln, wenn er schon auf dem Weg nach Indien ist – so die nicht unwahrscheinliche Theorie.

Nicht zufällig, sondern unter strenger Geheimhaltung soll Brasilien in Wahrheit mit voller Absicht angesteuert worden sein.
Peru Vaz de Caminha liest Cabral und anderen Hochgestellten an Bord seinen Bericht vor den der König von Portugal später erhalten soll.
Eine Armada von 13 des neuartigen Schiffstyps Caravelle brechen 1500 nach Indien auf. Von so manchen Insulanern heißt es sie hätten beim Anblick der zum Wasser gelassenen Beiboote geglaubt die großen Schiffe „gebären“ kleinere Schiffe.

Kein Bedarf an Zivilisation

Die entkräfteten Matrosen auf den Schiffen dürfte die hohe Politik kaum kümmern als sich vor ihnen endlich Land erstreckt. Die Landschaft wirkt mit ihren endlosen grünen Wäldern wie ein Paradis. An der Mündung eines Flusses legt die Armada an.

Unbewohnt ist das Paradies, wie erwartet nicht. Am Strand tauchen nackte Gestalten auf und es werden immer mehr.
Die Flotte vor ihnen ist ein beeindruckender Anblick – für die Insulaner die das Meer auf einfachen Kanus befahren – müssen die Kriegsschiffe wie aus einer anderen Welt und mit Sicherheit furchterregend wirken.
Das vermutet man auch an Bord und beeilt sich die Wogen im Vorhinein zu glätten. Immerhin gilt es auch hier Handelsbeziehungen und Missionierungen voranzubringen – die Wegbereiter für die spätere Unterwerfung.
Vorerst aber sind es die Portugiesen die auf Hilfe angewiesen sind und so steigt Peru Vaz de Caminha mit einem Dutzend Männer in ein Beiboot und lässt auf die Menschenmenge am Strand zusteuern.
Bewaffnet, versteht sich. Die Geschichten über erschlagene und aufgefressene Seemänner des Kolumbus kennt man an Bord.
Gebannt lassen die Menschen am Strand die einschüchternde Flotte und die Ruderboote die auf das Ufer zu rudern nicht aus den Augen. Eiserne Helme und Brustpanzer glänzen in der Abendsonne. Die Flagge des Christusordens weht im Wind.
Caminha’s Auftritt ist ein Balanceakt zwischen einer Machtdemonstrierung und interkultureller Diplomatie.

Unverzichtbar für die Entdecker: Ein eindrucksvoller Auftritt der den „nackten Wilden“ klar zeigen soll wer hier die Hosen (Rüstung) an hat. In Cabrals Fall dürften die Mannschaften der Flotte eher Erleichterung und Dankbarkeit über das rettende Land empfunden haben.

Caminha und seine Männer waten durch die Brandung, die Hände am Abzug einer Muskete oder am Griff eines Schwertes.
Doch Caminha geht voraus und macht eine universelle Geste indem er seinen Hut zieht und vor ihm in den Sand wirft. Die Botschaft ist klar und sein Gegenüber tut dasselbe mit seinem Kopfschmuck.

„Einer von ihnen warf darauf seine Kopfbedeckung aus langen Vogelfedern zurück, mit einer Spitze aus roten und braunen Federn, wie der der Papageien…“ wird Caminha später seinen König schildern.

Mann kommuniziert mit Händen und Füßen, tauscht Gegenstände, stellt sich vor, tastet die fremden Stoffe ab, deutet auf die Palmen, deren Holz man dringend brauche um die Rümpfe der Schiffe zu erneuern. Glasperlen und Ramsch werden gegen Nahrung getauscht. Die Indios werfen ihre Bögen und Lanzen, die Portugiesen ihre Schwerter und Musketen in den Sand – Das Eis ist gebrochen. Dieser Stamm lässt die Fremden auf ihr Land. Dieser Stamm jedenfalls.

Caminha schreibt fleißig mit. Ihm verdankten wir die erste Beschreibung über das zufällig „entdeckte“ Brasilien und seiner Bewohner.

Es könnte ein stolzer Moment für Cabral als Entdecker eines fremden Landes sein, der das ganze erleichtert von einer Karavelle aus beobachtet hat, doch oberste Priorität hat die Fahrt nach Indien. An Bord des Flaggschiffs wird man sich darin einig das versehentlich entdeckte Paradies im Schnelldurchlauf zu erkunden und danach sofort die Segel nach Osten zu setzten.
Eigens dafür sind immer Besatzungsmitglieder an Bord portugiesischer Schiffe deren Verlust entbehrlich – wenn nicht geplant ist. Das Erkunden von fremdem Land und Menschen ist der einzige Grund für ihre Mitnahme auf die Reise:
Verbrecher und Verbannte werden in ein Ruderboot gesetzt um das unbekannte Land tiefer zu erforschen. Geflüchtet ist von diesen unfreiwilligen Abenteuern, im Angesicht von wilden Tieren und Menschen noch nie jemand.

Es ist Nacht, der Ozean ist ruhig und vor Cabral stehen zwei verschreckte Einheimische am Deck des Flaggschiffes, die der Erkundungstrupp „mitgebracht“ hat.
Caminha beschreibt die Indios, die zwischen Takelage, Kanonen, hellhäutigen Matrosen und dem edel gekleideten Cabral völlig fremd gewirkt haben müssen:

„Sie sind braun von Aussehen, fast rötlich, haben angenehme Gesichtszüge und wohlgeformte Nasen. Sie gehen nackt, ohne irgendwelche Bekleidung.“

Cabral in seiner Rolle als Kapitän und Vizekönig hat es sich auf einem Thronartigen Stuhl bequem gemacht. Als Zeichen seiner Macht trägt er eine goldene Kette um den Hals und hat sich trotz der Hitze einen mächtigen Mantel umgehängt.
Prunkvolle Zeichen seiner Macht.
Doch anstelle von Ehrfurcht zeigen die beiden Indios Desinteresse. Sie wirken völlig unbeeindruckt und deuten wie nebenbei auf die Goldkette des Vizekönigs und dann in das Landesinnere hinter ihnen. Dort solle es mehr davon geben.
So deutet Caminah die Zeichensprache jedenfalls. Bei Gold werden Cabral und seine Mannschaft hellhörig. Für die einfachen Indios hat das Edelmetall wenig Wert, doch für die Europäer ist Gold alles.
Die beiden Indios können in jener Nacht nicht ahnen, dass es vor allem Gold sein wird das ihrer und den Kulturen Südamerikas den Untergang bedeuten wird.
Cabral Neugier ist geweckt und befiehlt den Indios ein ordentliches Essen zu kredenzen. Honig, gebackener Fisch und kostspieligen Wein aus Cabrals Kajüte. Nahrungsmittel die für den Durschnittseuropäer des sechzehnten Jahrhunderts unbezahlbar sind spucken die Indios wieder aus.
Appetit an den Segen der Zivilisation finden sie keinen.

Der Kreuzzugsgedanke ist in der Vorstellung der Entdecker lebendig. Wo sie auch hinkommen verbreiten ihre Missionare das Wort Gottes.

Irdisches Paradies ohne Gottes

Die offenherzige Art der Eingeborenen bewundern die Portugiesen und erkunden am nächsten Tag weiter Abschnitte der Küste. Aus dem Hinterland tauchen bald auch immer mehr Eingeborene (vielleicht anderer Stämme) auf um Handel zu treiben.
Die Nachricht über die merkwürdigen Schiffe und der schlechten Küche ihrer Mannschaft hat sich bis ins Hinterland herumgesprochen.
Harmonisch und großzügig beschreiben die Portugiesen diese Menschen. Jene die hier an der Mündung siedeln leben in kleinen Sippen. Landwirtschaft kennen sie nicht. Das endlose Grün bietet alles was den sesshaften Jägern und Sammlern brauchen.
Unter Tags jagen sie in den Wäldern, während die Portugiesen Holz fällen um die Rümpfe ihrer Schiffe zu erneuern, abends laden die Indios die Fremden zu ihrem Dorffest ein wo Portugiesen und Indios zusammen trommeln und tanzen. Sicherlich denkt auch Caminah inmitten dieses Idylls während er seine Eindrücke niederschreibt nicht mehr an das eigentliche Ziel: Indien.
Die wahren Ausmaße der Landmasse und die darauf lebenden Kulturen können die Portugiesen nur erahnen. Wie etwa dem gewaltigen Reich der Inka im heutigen Peru. Eine blühende Kultur die nur wenige Jahrzehnte später durch den spanischen Konquistador Francisco Pizarro zerstört werden wird – aus Gier nach Gold.

Unschuldig und frei von Sünde, wie einst Adam und Eva leben die Indios im puren Glück. Für Gewalt und Diebstahl haben sie vermutlich gar kein Wort, munkelt Caminah in seinen Aufzeichnungen und doch fehlt das Entscheidende: Der Gott der Europäer.

Anthropologische Zeit-Kapsel: Die Eingeborenen Brasiliens leben noch in der Steinzeit. Zum Entsetzten der mitgereisten Kleriker kennen sie weder Gott noch Bibel – und leben dennoch glücklich in ihrem Paradies.

Cabral erinnert sich an die Anweisung seines Königs, der dem Papst folgt. Nur mit dem Segen des Papstes kann der Monarch in Lissabon entdecktes Land für sich beanspruchen. Den Segen aus dem Vatikan erhält nur wer das Kreuz der Kirche unter die „wilden aber barmherzigen Heiden“ bringt.
Fromm und Pflichtbewusst lässt Cabral auf einem nahen Hügel ein gigantisches Kreuz aus Holz errichten.
Die Einheimischen sehen ahnungslos aber respektvoll zu als der Pater Henrique eine Messe im Schatten des riesigen Kreuzes hält.
Die gottesfürchtigen Lobgesänge der Christen hallen über die Flussmündung und im nächsten Moment – Caminha wird es später als „große Rührung“ beschreiben- knien die Einheimischen Schulter an Schulter mit den Portugiesen und versuchen in die Lobgesänge einzustimmen um den Christengott zu huldigen.
Der erste Europäer der einen Fuß auf das fremde Land setzte, Nicolao Coelho, beginnt kleine Kreuze unter den Einheimischen zu verteilen, dankend und ergriffen sollen sie – so Caminhas Eindruck – zu Christen geworden sein. Dabei ist erst eine Woche vergangen – Wie viele Heiden wohl erst im Hinterland völlig nackt ohne dem Wort Gottes leben müssen?

Das portugiesische Weltreich. Der Handel mit Gewürzen aus Indien und edlen Holz aus Brasilien (Brasilholz) macht das kleine Portugal reich. Es sollte auch ein Portugiese sein dessen Mannschaft als erste von 1519 bis 1522 die Erde umsegelt – auch hier war das eigentlich Ziel ein anderes und zeigt eindrucksvoll wie wenig der Mensch wusste und viel Mut er auf seinen Entdeckungsfahrten brauchte.

Land des wahren Kreuzes

Die unbeabsichtigte Entdeckung des Paradieses ist für Cabral ein voller Erfolg. Holz das zum Erneuern der Schiffsrümpfe und dem Zimmern des Kreuzes gefällt wurde, wird wenig später neben den Gewürzen wegen denen ursprünglich in See gestochen wurde, zu einem weiteren exklusiven Handelsgut der Portugiesen.
Auch die Portugiesen hinterlassen den Einheimischen unbewusst etwas, nämlich Krankheiten, die wie so oft die Menschen der neuen Welt nach dem Austausch mit Europäern zum Opfer fallen. Das freundschaftliche Verhältnis wird gute 30 Jahre später komplett in die Brüche gehen, denn dann beginnen die Portugiesen die Insulaner zu versklaven, Gold das sie bis zum Erschöpfungstod schürfen sollen, ist dann dem portugiesischen König und seinen Vizekönigen wichtiger als Brasilholz. Wehren werden diese sich vergeblich – 1580 ist die ganze Fläche des damaligen Brasiliens unterworfen.
Ein Armageddon von dem niemand an jenem Abend des 22. April 1500 zu träumen gewagt hätte.

Vor allem mit der Bekehrung der Einheimischen, wie eines der Schiffe das nach Lissabon zurück gesendet wurde um zu berichten, darf Manuel I. – Dank dem päpstlichen Segen das Land als ein Eigen betrachten.
Sein Land des wahren Kreuzes: Terra de Vera Cruz, heute Brasilien.

Das Einschleppten von Krankheiten funktioniert übrigens in beide Richtungen. Während Spanier und Portugiesen Masern und Pocken einschleppen, für die die hiesige Bevölkerung keine Abwehrsysteme hatten und sie davonraffen, verdichten sich die Hinweise das Treponema pallidum – der Syphiliserreger – um 1500 von heimkehrenden Seeleuten nach Europa eingeschleppt wurde.

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