Zenobia von Palmyra – als eine Frau ein Imperium herausforderte

Im dritten Jahrhundert ist die Liste der Feinde Roms lang. Nicht nur Perser und Germanen setzen dem taumelnden Giganten zu. Auch im Inneren bröckelt das Imperium. Sonderreiche entstehen, die sich von Rom lossagen und die Regentschaft der unzähligen Kaiser in kurzer Zeit ist geprägt von Inkompetenz, Überforderung und Gewalt.
Die Königin von Palmyra hingegen gilt im Nachhinein als eine der wenigen fähigen Herrscher dieser Zeit – sehr zum Ärgernis der überforderten Römer. Zenobia erschafft ein großes aber kurzlebiges Sonderreich im Orient und 271 nach Christus ernennt sie ihren Sohn gar zum Kaiser.

Als 272 nach Christus eine Einheit berittener Römer eine vermummte Gestalt in Syrien anhalten ahnen sie wohl noch nicht wem sie vor sich haben. Unter dem Umhang kommt eine Frau mit edlem Schmuck und teurer Kleidung zum Vorschein. Offensichtlich eine Adlige. Im Land der reichen Oasenstadt Palmyra keine Seltenheit, doch das Gesicht kommt dem Anführer der Reiter bekannt vor. Prangt es nicht seit einigen Jahren auf Münzen? Ist diese Frau mit dem selbstbewussten Ausdruck im Gesicht nicht jene die ihren Sohn zum Kaiser und sich als Augusta -als Kaisermutter erklärt hat? Ist sie die Frau des legendären Odaenahtus der vor einigen Jahren verstorben ist und an seiner Seite über Palmyra geherrscht hat, bevor sie die Macht in eigenen Händen hielt und den Römern den Krieg erklärt hat?
Königin Zenobia, Staatsfeindin Nummer 1 ist ihnen während einer beispiellosen Krise des römischen Reichs in die Hände gefallen und wird prompt festgenommen.

„Nun ist das Maß der Schande voll; ist es doch in dem erschöpften Staat so weit gekommen, dass während des schändlichen Treibens des Gallienus sogar Frauen trefflich regierten und noch dazu Fremde !…“
Passage aus dem spätantiken Geschichtswerk Historia Augusta

Die Reichskrise des 3.Jahrhunderts

Im dritten Jahrhundert durchlebt das römische Reich seine wohl größte Krise. Kaiser wechseln sich innerhalb kürzester Zeit ab, fallen Mordanschlägen zum Opfer, während sich anderswo in den Weiten des Imperiums ein weiterer Feldherr zum Kaiser ausrufen lässt und damit den nächsten blutigen Konflikt auslöst.
Das Jahr 238 sieht ganze sechs kurzlebige Kaiser von Rom und geht als „Sechskaiserjahr“ in die Geschichte ein.
Im Norden fallen die germanischen Alemannen ins Reich ein, von Osten her nähern sich die barbarischen Goten, welche wiederum von den noch barbarischeren Alanen flüchten.
Selbst innerhalb des Reichs kommt es zu beängstigenden Entwicklungen. Der Feldherr Postumus hatte sich einfach selbst zum Kaiser ausgerufen, prägt Münzen mit seinem Konterfrei und erklärt damit sein „gallische Sonderreich“ im Westen des Imperiums als eines von Rom abgespaltenes Reich. Bis 273 nach Christus soll es Bestand haben.
Ein alter Gegner der Römer ist in dieser von Krisen gebeutelten Epoche bereits untergegangen. Das Herrscherhaus der Parther wurde in den Zwanzigern des Jahrhunderts von dem Perser Ardaschir gestürzt. Diese neue Dynastie, die Sassaniden, sind nicht weniger machthungriger als ihre Vorgänger und wissen das unter dem Einfall der Barbarenhorden ächzende Imperium an den Rand des Kollapses zu bringen.
Sein Sohn und Nachfolger Sapor I. macht den Römern und ihren Verbündeten in Syrien und Nordmesopotamien seither schwer zu schaffen.
Das prominenteste Opfer dieser Zeit: Der römische Kaiser Gordian III. Dessen Nachfolger – oder sein wahrer Mörder, wie man in Rom munkelt –Philippus Arabs schließt mit Sapor I. Frieden. Doch stellen die Sassaniden und ihre Expansion weiterhin eine Bedrohung der alten Karawanenwege aus dem fernen Osten und Indien durch Mesopotamien dar.
Die Sassaniden lassen die Römer einmal mehr zur (Gold)Ader.

Die Machtverhältnisse im dritten Jahrhundert. Im Vergleich zu Karten die das Jahr 100 darstellen, treten nun mehrere große Machtblöcke hervor die das Imperium bedrängen.

Tor zum Orient

Die Oasenstadt Palmyra im heutigen Syrien bildet ein Handelszentrum an der Seidenstraße zwischen Asien und dem Mittelmeerraum. Zwar gehört Palmyra zum römischen Einflussgebiet, ist aber defacto eine freie Stadt. Ein Status die der von griechisch-römischer Architektur gekennzeichneten Stadt einst von Kaiser Hadrian zugesichert wurde. Typisch für eine Handelsstadt ist auch ihre Kultur. Neben semitischen und arabischen Gottheiten werden auch die Götter der Griechen gehuldigt. Die imposanten Überreste dieser Tempel überdauerten Jahrhunderte der Zerstörungen und Umbrüche, ehe die einzigartigen Bauwerke der kosmopolitischen Stadt 2015 durch Terroristen des ISIS weitgehend zerstört wurden.
Mitte des dritten Jahrhunderts herrscht Septimius Odaenahtus über die durch den Fernhandel mit Luxusgütern reichgewordene Handelsmetropole. Auch ihm sind die übermächtigen Sassaniden und deren Einfluss auf die lebenswichtigen Handelswege ein Dorn im Auge, weshalb er das Bündnis mit den Römern sucht. Rom stellt sich auf die Seite Palmyras. Beide sind daran interessiert ihre Handelswege zu sichern.
260 nach Christus rüstet der mächtigste Mann seiner Zeit zum Feldzug gegen die Sassaniden. Es sollte die größte Demütigung der römischen Kaiserzeit sein.
Kaiser Valerian unterliegt in der Konfrontation mit der schweren Kavallerie der Sassaniden, bei Edessa in der heutigen Türkei. Nur eine nie da gewesene Schmach übertrifft die totale Niederlage der Legionen an jenem schwarzen Tag als der Sassanidenkönig Sapor den Kaiser gefangen nimmt.
Valerian verbringt seine letzten Tage gedemütigt als menschlicher Fußschemel, mit dem der Großkönig sein Pferd besteigt. Verewigt ist diese ultimative Demütigung des mächtigsten Mannes seiner Zeit auf einem bis heute erhaltenen Felsrelief.

Noch nie wurde ein römischer Kaiser von einem fremden Herrscher gefangen genommen und so bloßgestellt. Das weiß auch der sassanidische Großkönig Sapor, der Kaiser Valerian gefangen nimmt. Seine „Leistung“ hat er auf einem gigantischen Felsrelief verewigt. Sichtbar für jeden.

Allein gegen den Großkönig

Odaenahtus steht nun allein der Übermacht der Sassaniden gegenüber, siegt überraschend und ruft sich selbst nach der alten persischen Tradition zum „König der Könige“ aus. Eine Provokation für Sassaniden und Römer.
Valerians Sohn und Nachfolger in Rom, Gallienus versucht seinen eigentlich Verbündeten bei sich zu halten und schmeichelt ihm mit verliehenen Titeln wie „Feldherrn der Römer“ oder „Aufrichter des ganzen Osten“ und der Senat ernennt ihn gar zum Konsul.
Doch Odaenahtus denkt nicht daran sein Treiben zu beenden und bekämpft die Sassaniden weiterhin äußerst erfolgreich. Auf dem ersten Blick erfreuliche Nachrichten für die Römer, doch der Machtanspruch des Odaenahtus ist eindeutig und bedrohlich. Einen weiteren erstarkter Feind an den Grenzen kann das römische Reich nicht verkraften und wahrscheinlich ist Gallienus nicht unschuldig als Odaenahtus und sein Sohn Herodianus 267 einem brutalen Attentat zum Opfer fallen.

In Rom atmet man erleichtert auf, erfreut wenigstens eine der unzähligen Bedrohungen los zu sein. Doch dann klopfen die Alemannen an den nördlichen Grenzen an und treten in ein ohne hereingelassen zu werden.

Einzigartige Überreste einer einzigartigen Stadt. Palmyra hat aufgrund ihrer verschiedenen kulturellen Einflüsse architektonisch und religiös einiges zu bieten. Ein Schatz für Archäologen und Touristen. Die Terroristen die einigen Bauwerken 2015 mit Sprengsätzen vor laufender Kamera zu Leibe rückten, sahen das anders.

Palmyra ist nicht am Boden

Die Herrschaft über die erstarkte Oasenstadt und ihren neu gewonnen Machtbereich geht an Odaenahtus Sohn Lucius Julius Aurelius Septimius Vaballathus Athenodorus über. So lange sein Name so knapp sein Alter, als er den Thron besteigt. Seine Mutter, Die Witwe Zenobia, des „Königs der Könige“ ist aus demselben Holz wie Odaenahtus geschnitzt und beginnt sein Werk fortzuführen. Sie übt die Regentschaft für ihren jungen Sohn aus und das mit einer Dynamik, die in Rom für Aufregung sorgt. Dass der neue Herrscher des mächtigen Palmyras eine Frau ist mag seinen Anteil an der Empörung unter den patriarchischen Römern haben.
Zenobia nennt sich nun in Inschriften „Königin“ und attackiert 269 nach Christus die römische Provinz Ägypten. Eine der wichtigsten Kornkammern des Imperium Romanum. Die Palmyrer können die dortigen römischen Streitkräfte bezwingen und das Selbstbewusstsein der Oasenstadt wächst mit der extremen Ausdehnung des Reichs.
Doch nicht nur ein möglicher Groll auf die möglichen Mörder ihres Mannes lenkt ihren Griff nach Westen. Sie erkennt die besondere Bedeutung Ägyptens für den palmyrischen Handel, da der Karawanenhandel aus Mesopotamien nach wie vor von den Sassaniden kontrolliert wird.
270 verlieren die Sassaniden Antiochia an die expandierte Macht der Königin, eine Stadt, die in ihrer Geschichte immer wieder den Besitzer wechseln wird an die Palmyrer. Mittlerweile erstreckt sich Zenobias Reich bis nach Kleinasien. Eine zweites Sonderreich zeichnet sich ab als Zenobia beginnt Münzen zu prägen. Diese Münzen, die im von ihr eroberten Ägypten geprägt werden zeigen auf einer Seite Aurelians Konterfrei (der in diesem Jahr Kaiser wird) und auf der anderen jenes ihres Sohns Vaballathus.
Zenobias Vision ist damit für jedermann klar – Palmyra und die von Rom und den Sassaniden abgerungenen Gebiete sind damit endgültig von Rom abgetrennt.

„… es hat nämlich eine namens Zenobia länger regiert, als es sich mit ihrem weiblichen Geschlecht vertrug… nach persischem Königsbrauch gestaltete sie ihre Tafel, nach dem Brauch der römischen Kaiser aber erschien sie zu Heeresversammlungen in Helm und Purpur … Ihre Stimme war hell und männlich. Wo es die Notwendigkeit forderte, war sie streng wie ein Tyrann, doch mild wie gute Fürsten, wo es die Menschlichkeit verlangte. Sie wusste klug zu schenken, hielt aber ihre Schätze besser zusammen, als man es von einer Frau erwarten konnte.“
Passage aus dem spätantiken Geschichtswerk Historia Augusta

Eine Frau in Rüstung und Waffen kennen die Römer bestenfalls aus extravaganten Gladiatorenspielen. Dennoch gilt sie auch unter einigen römischen Zeitgenossen als fähige Herrscherin, die dank ihres Geschicks die Unfähigkeit so mancher Kaiser erkennen lässt.
(Giovanni Battista Tiepolo, Queen Zenobia Addressing Her Soldiers, Italian, 1696 – 1770, 1725/1730, oil on canvas, Samuel H. Kress Collection)

Der vielbeschäftigte Kaiser Aurelian

Im selben Jahr besteigt Lucius Domitius Aurelianus – kurz Aurelian den Kaiserthron und macht sich daran dem Trümmerhaufen, dem das Römische Reich mittlerweile gleicht wiederaufzurichten. Er schlägt verschiedene Gruppen von Germanenstämmen zurück, ehe er sich daran macht die Reichseinheit endlich wiederherzustellen.
Zenobia kommt es zu Gute, dass der Kaiser sich nicht nur mit dem ständigen Übel der plündernden Germanenhorden und Gegenkaiser auseinandersetzen muss, auch die Goten werden an der Donau immer dreister. Aurelian reagiert besonnen und realistisch. Die Goten kann er 272 mitsamt ihrem König vernichten und die mittlerweile von Barbarenstämmen wimmelte Provinz Dacia räumt er und überlässt es den dortigen Barbaren sich darum zu schlagen.
Ein weiterer Punkt auf der imperialen To-Do Liste wäre damit abgehackt. Der nimmermüde Kaiser macht sich zur nächsten Etappe in der Wiederherstellung der Reichseinheit auf, Zenobia bricht währenddessen endgültig mit Rom.

Zenobia die Kaisermutter

Als Aurelian mit seinen Legionen in das junge Riesenreich der Palmyrer einfällt und Antiochia wieder zurück erobert muss er feststellen das sein Konterfrei von den hiesigen Münzen getilgt wurde.
Stattdessen prangt nun nur noch Vallabthus und Zenobias Antlitz auf den Münzen.
Vielleicht aus einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Machthunger erklärt Zenobia somit ihren Sohn zum Kaiser und sich selbst als Augusta – als Kaisermutter.
Damit wird die palmyrische Angelegenheit für Aurelian persönlich.
Das Reich von Zenobia beginnt unter der Wut des Kaisers zu bröckeln. Stück für Stück, Stadt für Stadt fällt es an die Römer zurück. Die palmyrische Besatzung von Ägypten ergibt sich kampflos.
Bei Emesa stellt Aurelian 272 nach Christus Palmyra zur finalen Schlacht. Zenobias gut ausgebildete Truppen sind in der Unterzahl, der Sieg geht – wenn auch knapp- an die Legionen des Aurelian.
Unter Aurelian findet die Militärmacht Rom wieder zu ihrem alten Selbstbewusstsein zurück.

Restitutor Orbis

Eigentlich sollte er und nicht Zenobia und ihr Sohn auf Münzen zu sehen sein, sondern er, Kaiser Aurelius.
Auch in der Metropole schreitet Aurelian tatkräftig ans Werk und lässt die „aurelanische Mauer“ zu ihren Schutz errichten.

Das Imperium schlägt zurück

Wer kann flieht in die Hauptstadt zurück. Zenobia sucht ihr Heil in der Flucht, doch wird sie festgenommen und nach Rom gebracht.
Palmyra selbst ergibt sich den Belagerern. Aurelian begnügt sich damit ranghohe Militärs aus dem Kreise Zenobias hinrichten zu lassen.
Er selbst beendet damit die Krise des römischen Reichs. Die Grenzen sind gegen die germanischen Stämme geschützt. Als letztes Sonderreich kehrt das „gallische Sonderreich“ wieder ins Imperiums 273 nach Christus zurück.
Wieder in Rom kümmert sich der „Wiederhersteller der Welt“ um die wirtschaftlichen Belange des römischen Reichs.
Die dankbaren Römer gewähren ihrem Retter einen prachtvollen Triumphzug indem Schätze und andere Dinge aus den besiegten Ländern durch die Straßen Roms getragen werden. Doch die größte Attraktion ist Zenobia die in Ketten dem römischen Volk vorgeführt wird.
Zenobia, die ein Riesenreich eroberte und ein zwei andere herausgefordert, sich selbst als Kaisermutter tituliert hat und von Zeitgenossen für ihre Führungskompetenzen, die bei ihren männlichen Gegnern vermisst wurden, verbringt ihren Lebensabend als Gefangene in einer Villa in Rom.

In dieser älteren Darstellung haben die Römer Zenobia bereits in Ketten gelegt, während Palmyra im Hintergrund von den Legionen geplündert wird. In Ketten wird sie später mitsamt Hofstaat, reicher Beute und exotischen Tieren durch die Straßen Roms getrieben werden – Aurelians Beweis das die Ordnung im römischen Reich wieder hergestellt ist.

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