Otto III:  Die Apokalypse und das erneuerte Weltreich

Ein Damoklesschwert schwebt im zehnten Jahrhundert über Europa. Mit dem Millennium jährt sich auch der Geburtstag des Heilands zum 1000. Mal. Damit stehe der Tag des jüngsten Gerichts bevor. Das Ende der Welt.
Kaum ein anderes Ereignis treibt die Menschen in Europa des zehnten Jahrhunderts mehr um. Die Offenbarungen des Johannes scheinen sich zu verwirklichen. Islamische Herrscher setzen sich auf der iberischen Halbinsel und in Süditalien fest. In Osteuropa stellen slawische Stämme wie die Wenden eine ernstzunehmende Gefahr dar. Selbst der heilige Vater wird in Rom von machthungrigen Patriziern bedrängt.
Knapp vor der gefürchteten Ankunft des Antichristen macht sich ein junger Monarch daran ein untergegangenes Weltreich wieder zu altem Glanz zu verhelfen um den Sündenpfuhl in der heiligen Stadt zu reinigen.
Doch eine Sünde wird der Kaiser, Schutzherr der Christenheit unterschätzen: Den Machthunger der römischen Adligen.

Gog und Magog, die biblischen Völker der Apokalypse die Krieg und Zerstörung über die Christenheit am Tag des jüngsten Gericht bringen werden.

„Und ich sah: Ein Tier stieg aus dem Meer, mit zehn Hörnern und sieben Köpfen. Auf seinen Hörnern trug es zehn Diademe und auf seinen Köpfen Namen, die eine Gotteslästerung waren. Das Tier, das ich sah, glich einem Panther; seine Füße waren wie die Tatzen eines Bären und sein Maul wie das Maul eines Löwen.“

Die Offenbarungen des Johannes stehen kurz davor wahr zu werden
Das Tier aus den Offenbarungen des Johannes.

Römisch-deutsche Kaiser: „Die Ottonen“

Die Kaiserwürde geht im zehnten Jahrhundert auf den östlichen der drei Teile, in die das Frankenreich nach dem Tode Karl des Großen zerfiel, über.
Diese sächsischen Herrscher, einst barbarische Heiden, werden damit wie einst Karl zu den mächtigsten Herrschern des mittelalterlichen Europas.
So mächtig ihr Reich, so wenig können sie sich gegen den römischen Stadtadel durchsetzen. Verschiedene Familien konkurrieren um Macht und Einfluss in der zerfallenen Metropole. Von ihren befestigten Grundstücken aus betreiben sie ihre Intrigen und besetzen den Heiligen Stuhl meist mit einem Familienmitglied. Ihre Macht sichern sie sich durch die Einnahmen aus Ländereien im Umland von Rom. Weitere Kirchenämter vergeben sie an Günstlinge.
Erpressung, Korruption, Bestechung und Willkür sind Alltag in der heiligen Stadt.
Eine harte Nuss für die Ottonen, die ihr jüngster Spross Otto III. nun endlich knacken will, um die drohende Apokalypse abzuwenden.

Otto III. ist erst drei Jahre alt als sein Vater Otto II. verstirbt und damit Herrscher über sechs Millionen Untertanen wird. Mutter und Großmutter führen die Regentschaft bis Otto III 14 ist, dann übernimmt der Monarch selbst die Regierung.
Die Kaiserwürde ist allerdings nicht vererbbar – nur der Papst in Rom kann ihm diese Würde verleihen.
996 bricht der König zusammen mit seinem Gefolge und 700 gepanzerten Reitern zur ewigen Stadt auf.
Die Gunst des Pontifex hat sich Otto bereits gesichert. Niemand geringerer als sein Vetter Gregor V. sitzt am Stuhl Petris und krönt seinen Förderer am 21. Mai in der Petersbasilika zum Kaiser.

Otto III mit Reichsapfel und Szepter. Im Hintergrund die Engelsburg in Rom. Ölgemälde von Joseph Anton Settegast aus 1840.

Das einfache Volk jubelt und hofft das sich der neue Kaiser und sein Papst nicht in das Ränkespiel der Oberschicht verwickeln lassen. Die Oberschicht der Patrizier, die auch diesmal einen der ihren als Papst vorgesehen hatte, schweigt. Die 700 Panzerreiter vor der Stadt, eine Truppengattung die Otto I. einst den Sieg gegen die unbezwingbaren Ungarn gebracht hatte, schüchtert die ansonst zu allem bereiten Patrizier ein.
Otto genießt den Anblick der Stadt, bestaunt die Ruinen des Forum Romanum, das zerfallende Kolosseum und die teilweise noch im Betrieb befindlichen Aquädukte. Architektonische Wunder die in seiner Heimat nördlich der Alpen unbekannt sind.
Sorgenvoll sieht er und sein Hofstaat auch was die Oberschicht mit den Resten der einstigen Metropole macht. Was heute unter Weltkulturerbe steht, nutzen die Patrizier als Steinbruch für Material um die Wehranlagen um ihre Grundstücke zu bauen. Ganze Türme und Wehrgänge, auf denen die Handlanger der Reichen patrouillieren bestehen aus den Resten römischer Baukunst.
Ein bedrohliches Bild, doch Otto muss zurück über die Alpen, den eins fürchtet er mehr als die Meuchelmörder der Patrizier – die italienische Sommerhitze.

Kaum kehrt der Kaiser und seine Streitmacht Rom den Rücken, brodelt es in den Gassen. Papst Gregor V. wird von den Patriziern vertrieben und ein Gegenpapst der römischen Oberschicht landet auf dem heiligen Stuhl.
Otto III. kehrt zurück mit seinen gefürchteten Panzerreitern und lässt kaum Gnade walten. Der Anführer des Aufstands wird enthauptet und nachdem der verängstigte Gegenpapst aus seinem Versteck gezerrt wird, schneidet man ihm Nase und Ohren ab, die Zunge wird ihm herausgerissen und die Augen geblendet. Otto III setzt ein Zeichen und lässt den Verstümmelten rücklings auf einem Esel durch die Straßen Roms führen.
Die Oberschicht ist mehr als eingeschüchtert.

Renovati imperii Romanorum

Wohl kaum ein anderer als der Gelehrte Gerbert von Aurillac übt mehr Einfluss auf den jungen Monarchen aus. Gerbert hatte Otto III. bereits als Kind in Redekunst, Schreibkunst und Arithmetik unterrichtet. Dieser geistliche Universalgelehrte gilt als Genie. Neben den Künsten, in denen er Otto unterrichtet hatte, beschäftigt sich Gerbert auch mit Musiktheorie, Geometrie, Astronomie und Philosophie.
Otto selbst habe sich an ihm gewandt um seine „sächsische Grobheit“ zu mildern. Der Kaiser mag zu Grausamkeiten fähig sein, doch mit Gerbert von Aurillac diskutiert er bis spät in die Nacht über Philosophie, egal ob in der kaiserlichen Residenz oder im Feldlager. In einer dieser Nächte kommt Gerbert zu der Erkenntnis das Otto und nicht der griechische Kaiser in Konstantinopel (das noch existierende Ostrom) der wahre Erbe der Cäsaren ist.
Ein Traum reift in Ottos Gedankenwelt.
Seine Gegner sind sich sicher, der redegewandte, aus einfachsten Verhältnissen stammende Berater des Kaisers habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Anders sei sein kometenhafter Aufstieg und Verstand nicht zu erklären.
Als 999 Gregor V. verstirbt, hat Otto die ideale Verwendung für seinen Lehrer:
Als Papst Silvester II. geht Gerbert von Aurillac in die Geschichte ein.

Zur Zeit der Ottonen ist nicht viel über vom Glanz des alten Roms. Ihre monumentalen Bauten werden ausgeschlachtet.

Otto hat seine Bestimmung gefunden. Urkunden unterschreibt er mit „Renovatio imperii Romanorum“ – Erneuerer des Reichs der Römer. Wie ernst es ihm damit ist können die entrüsteten Patrizier am Bauvorhaben des Kaisers in „ihre Stadt“ erkennen. Otto lässt sich ganz wie sie eine ummauerte Residenz erbauen.
Ein Bruch mit der Tradition seiner Väter, die stets unterwegs sein mussten um ihr Riesenreich zu verwalten. Vom berühmtesten der sieben Hügel der Stadt, dem Paladin, aus macht sich Otto III. daran das Imperium Romanum wieder zu altem Glanz zu verhelfen.

955 bezwingt Otto I. dank seiner schwer gepanzerten Reiter die Horden der Ungarn auf dem Lechfeld.

Ein Eroberer wie einst ein Kaiser Trajan oder Julius Cäsar wird Otto III. jedoch nicht. Es geht ihm nicht darum die alte Hegemonie über den Mittelmeerraum und Europa herzustellen, sondern an der Seite von Papst Silvester II. das christliche Reich der Ottonen von Missständen befreien. Vor allem in der Kurie die nur so vor Korruption trieft. Den aufsässigen Patriziern soll ebenfalls ein Riegel vorgeschoben werden.
Rom ist größte Sumpf in seinem Reich und er werde ihn trockenlegen.

Kirchenmann, Gelehrter und später Papst. Gerbert von Aurillac, besser bekannt als Papst Silvester II.

Ottos Renovati können die Patrizier selbstredend wenig abgewinnen – würde seine Vision doch ihren Treiben ein Ende bereiten. Doch auch im Dunstkreis des Kaisers wird der Traum der Erneuerung mit Argwohn beobachtet. Zu lange beschäftige der Kaiser sich mit italienischen Belangen. Otto sieht sich in die Pflicht des Kaisers genommen als Schutzherr des Christentums sich gegen das sündige Treiben der Patrizier und den Zorn des ankommenden Antichristen zu stellen.
Vielleicht in Erwartung des gefürchteten Jahres 1000 verlässt Otto im selben Jahr Rom und pilgert nach Polen an das Grab eines einst von Heiden erschlagenen Märtyrers. Auch Aachen wo Karl der Große bestattet wurde beehrt der Kaiser mit seiner demütigen Anwesenheit. Eine Nacht lang soll er am Grab des legendären Frankenherrschers gebetet haben ehe er erst wieder im August 1000 in Rom residiert.

1001 ist die Stimmung in Italien mehr als angespannt. Die Stadt Tivoli östlich von Rom erhebt sich gegen den Kaiser. Auch sie sehen sich durch seine Reformen in ihrer Freiheit eingeschränkt.
Otto lässt die Stadt belagern, fällt sie ist dies das Todesurteil für die Bewohner und so denken sie nicht daran sich Otto zu ergeben.
Es ist Ottos einstiger Lehrer, Papst Silvester II. der die Belagerten davon überzeugen kann aufzugeben.
Barfuß und im Büßergewand treten die wohlhabenden Stadtoberhäupter vor dem Kaiser und loben Gehorsam. Otto ist besänftigt und verschont die Stadt.

Otto III. flankiert von seinem Hofstaat. Links neben ihm sein Lehrer und späterer Papst Silvester III.

In Rom sind die Patrizier, die immer mehr von ihrer einstigen Macht einbüßen erbost über Ottos gewaltlose Lösung des Aufstands. Die Erinnerung an Ottos gewaltsames Vorgehen gegen sie sind noch frisch. Sie fühlen sich hintergangen und rufen zum Aufstand.
Dieses Mal greifen sie zum äußersten Mittel und locken den Kaiser in einen Hinterhalt.
Seine Leibwache und einige Würdenträger sterben unter den Schwerthieben der Verschwörer, doch Gott ist mit Otto und öffnet ihm buchstäblich Tore.
Durch ein nicht gesichertes Tor kann er sich in Sicherheit bringen. Er flüchtet in seine Residenz auf dem Paladin. Nun ist er es der belagert wird.

Otto ist sich sicher seine Stunde ist gekommen. Am Fuß des Paladins rotten sich immer mehr Menschen zusammen, auch jene einfachen Menschen, die ihm einst zugejubelt hatten schwingen Fackeln und Keulen.
Feierlich legt der Kaiser die Beichte ab und rüstet seine verbliebenen Männer zum Ausfall – ein Himmelfahrtskommando.
Doch zuvor wendet er sich an die Menge und nutzt die Redegewandtheit, die ihm sein Lehrer einst lehrte:

„Seid ihr nicht meine Römer? Euretwegen habe ich mein Vaterland und meine Verwandten verlassen aus Liebe zu euch habe ich meine Sachsen und alle Deutschen insgesamt mein Blut verschmäht. Euretwegen habe ich mich unbeliebt und verhasst gemacht, weil ich euch allen anderen vorgezogen habe. Und dafür habt ihr jetzt euren Vater verstoßen und meine Freunde grausam umgebracht…“

Ottos Worte zeigen Wirkung. Ein Chronist vermerkt gar, dass einige zu Tränen gerührt sind. Die aufgestachelte Menge wendet sich gegen ihre Anführer und gehen auf sie los. Mann wirft sie halbtot vor das Tor und geht wieder seiner Wege.
Ein Sieg für den Kaiser möchte man meinen, doch in dieser Nacht scheint die Vision Ottos zu zerbröckeln. Dem Frieden traut er nicht und verlässt Rom am 16 Februar 1001 mit seinen Getreuen. Der verbitterte Kaiser residiert in Ravenna. Hier stellt niemand seine Macht infrage, doch wie es mit der Renovati imperii Romanorum weitergeht ist fraglich

Otto, stets gottesfürchtig zieht sich in ein Einsiedlerkloster zurück. Seine Getreuen sind entsetzt. Will der Kaiser gar allen abschwören und Mönch werden?
Die Entscheidung scheint endgültig. Das Kloster liegt mitten in einem Sumpf. Eine Brutstätte für Fieber. Für Otto, der schon den italienischen Sommer nicht verträgt – eigentlich ein selbstauferlegtes Todesurteil.
Doch der Sachse überlebt und hat im Herbst 1001 einen Plan gefasst. Zum dritten Mal fordert er von seinen Fürsten nördlich der Alpen ein Heer an.
Größer, stärker und einschüchternder soll es sein um den Wiederstand der Patrizier die in seiner Abwesenheit wieder die Macht an sich gerissen habe endgültig zu unterwerfen.
Murrend stimmen seine Fürsten zu und senden dem 21-jährigen Truppen, die sich im anbrechenden Winter über die Alpen nach Italien schleppen. Darunter 660 schwerbewaffnete Ritter aus Worms, Köln und Würzburg.
Eine Tagesreise von Rom entfernt schlägt Otto sein Lager auf. Während nach und nach seine Truppen eintreffen, plagen ihm Fieberanfälle.
Papst Silvester II der ständig an der Seite seines Schülers bleibt, weiß der Angriff auf die Korruption in der ewigen Stadt wird nicht stattfinden.
Der Lehrer aus Kindertagen erteilt Otto III. die letzte Absolution.
Am 24 Jänner 1002 verstirbt mit ihm der letzte des Ottonen-Geschlechts. Und damit der Traum vom erneuerten Weltreich.

Ottos Zweifel an dem Frieden waren berechtigt. Als sich die Ritter zusammen mit seinem Leichnam aufmachen abermals die Alpen über dem Brenner nach Norden zu überqueren werden sie immer wieder von Aufständischen attackiert.
Als er dann endlich Anfang April 1002 im Chor des Aachener Münsters beigesetzt wird, tuschelt der sächsische Adel seinen frühen Tod als Strafe Gottes. Der junge Monarch habe zu lange seine Heimat vernachlässigt.
Papst Silvester II. wird vom römischen Adel wieder auf dem heiligen Stuhl gelassen. Ohne den Kaiser an seiner Seite stellt das Oberhaupt der Kirche auch keine Gefahr mehr dar.

Ritter verteidigen den Leichnam Ottos gegen die Überfälle der Aufständischen.

Ottos Nachfolger Heinrich II. beehrt das wieder von korrupten Adligen regierte Rom nur kurz. Schnell lässt er sich zum Kaiser krönen und bricht wieder in die Heimat auf.
In italienische Belange werden er und sein Nachfolger sich nicht mehr einmischen.

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