Rapa Nui: Das Zeitalter der monumentalen Steinköpfe

Kolossale Steinstatuen und verwahrloste Insulaner sind alles was niederländische Seefahrer auf der baumlosen Insel Rapa Nui 1722 vorfinden. Die Zivilisation die die Monumente dem Vulkanstein abtrotzte ist längst untergegangen, ihre Geschichte Stoff für Legenden und ihr Untergang eine bittere Lektion.

Ankunft der Polynesier

Die Nomaden der Südsee sind Kinder des Ozeans und exzellente Schiffsbauer. Auf bis zu 25 Meter langen Katamaranen passen gut 20 Menschen mit Vorrat. Dank ihrer geschätzten Reichweite von rund 5000 Kilometer sind die hölzernen Giganten hochseetauglich. Als sie 1000 nach Christus Neuseeland entdecken und besiedeln, gibt es in Europa kaum vergleichbares.
Von Samoa und Tonga aus, stoßen die Polynesier in den Zentralpazifik vor und landen auf Inseln die bis zu ihrer Ankunft kein Mensch je betreten hat – teilweise mit fatalen Folgen für Flora und Fauna der einsamen Inseln. Den der Vorrat der Ozean-Nomaden besteht aus Setzlingen für Nutzpflanzen und Nutztieren wie Hühnern, Schweine und Hunde – Alles Dinge die die Natur der Inseln für immer verändern.
150 v.Chr.legen die Katamarane an den zerklüfteten Küsten der Marquesas-Inseln an. Um 400 n.Chr. Erreichen sie Hawaii.

Die endlosen blauen Weiten des Pazifiks schrecken die Polynesier nicht ab. Es gehört zu ihrer Kultur und zu ihrem Wesen ins buchstäblich Blaue aufzubrechen. Das Unbekannte fürchten sie kaum. Man sagt das polynesische Seefahrer ihre Segel nicht nur nach Sterne und Wind ausrichten. Die an noch weit entfernten, hinter dem Horizont liegenden Inseln abstrahlenden Wellen spürt der erfahrene Steuermann durch das Ruder mit seinen Händen, heißt es.

Hotu Matua und seine Insel

Es sind nur ein paar hundert Menschen die um 500 nach Christus ihre Katamarane an den Strand einer fremden Insel ziehen. Einer „Großen, warmen, grünen Insel“ wie es in den Legenden ihres mystischen Anführers Hotu Matua heißt.
Matua und sein Clan ist aus guten Gründen in See gestochen. In der Heimat hat er einen Krieg verloren und sein Volk verlässt sich auf ihn. Allgemein sind es oft Kriege, Seuchen und andere Katastrophen die die Polynesier zu Nomaden machen. Ihre Kultur laden sie auf ihre riesigen Katamarane und fangen anderswo wieder von vorne an. Sie verpflanzen sozusagen ihre Kultur auf einst Menschenleeren Inseln.
Auf dieses kleine Eiland sind sie zufällig getroffen und auch hier sind sie die ersten.
Doch diese Insel ist anders.
Das Klima hier ist trocken und kühler. Ein starker Wind fegt über das kleine Eiland. Viele der Nutzpflanzen gedeihen hier nicht.
Doch ein weiterer Aufbruch steht für Hotu Matua nicht zu Debatte. Die Fahrt war lang und anstrengend. Die Wahrscheinlichkeit die winzige Insel wieder zu finden ist – trotz aller nautischen Fähigkeiten – verschwindend gering.
Allein durch die Entfernung zu anderen Inseln ist Hotu Matua und sein Clan von anderen Polynesiern isoliert- nach ihnen werden erst niederländische Seefahrer 1222 Jahre später die Insel wieder anlaufen.

Ein typisches Schiff der Polynesier. Ethnologisches Museum, Humboldt Forum Berlin.

So finster die Aussichten einst waren, so erfolgreich ist die Siedlung auf den Inseln in den nächsten Jahrhunderten der Isolation.In den hiesigen Wäldern wird erfolgreich Landwirtschaft betrieben. Süßkartoffeln, Jams und Zuckerrohr ernähren eine ständig steigende Anzahl von Menschen. Der Wald hält den eisigen Wind fern, der die Menschen bei ihrer Ankunft eins verzweifeln ließ.
Die Führer teilen die Insel wie eine Torte auf. Jede Sippe bestellt ihr eigenes Land inklusive Küste um neben der Landwirtschaft auch zu fischen.
Die Fanggründe der Hochsee aber sind nur einer Sippe vorbehalten; Den Miru.
Auf niemanden geringeren als Hotu Matua führen sie ihre Abstammung zurück.

In der Kultur der Polynesier werden die Ahnen hochgehalten und als Götter verehrt. Für Riten und Begräbnisse baut die jeweilige Sippe auf ihrem Land überdimensionale Plattformen an der Küste. Nicht selten erreichen diese ahu Längen von bis zu 150 Meter aus Basaltsteinen. Darauf werden Statuen aus verschiedenen Material aufgestellt um an die Ahnen zu erinnern – die berühmten Moai.

Um 1000 nach Christus ändern sich die Dimensionen. Dimensionen die zu groß für das kleine Eiland sein werden. Rund 8000 Menschen leben nun auf der Insel und die Sippen die sich das Land teilen treten in einem Wettstreit.

Mein Moai ist größer als dein Moai

Nichts ist für die Sippen prestigeträchtiger und heiliger als ihre Moai. Niemand wird in ihrer Gesellschaft mehr verehrt als jene Steinmetze die dem Vulkan Rano Raruku das Gestein abringen aus dem sie riesige Köpfe, Abbilde der Ahnen und Götter meißeln. Von Feldarbeit und Fischerei sind sie freigestellt. Die ganze Insel kommt um die hochverehrten Handwerker mit Nahrung zu umsorgen.
Die Insulaner fällen Bäume, bauen Straßen, ziehen die Kolosse mit Seilen unglaubliche 10 Kilometer weit hinab zum Strand, wo man sie aufstellt. Der Rücken der Kolosse zeigt dabei immer auf das Meer. Der steinerne Blick der Moai wacht über das Dorf der Sippe, die sie aufgestellt hat. Um sich der Kraft und den Segen der Ahnen zu sichern, setzen die Menschen den Statuen Augen ein.
Weiße Koralle für die Iris. Ein Stein aus Tuff für die Pupille.
Hat alles funktioniert opfern die Menschen den Bildnis ihrer Ahnen Hühner, Eier, Fische, Schildkröten um fruchtbare Böden und erfolgreichen Fischfang, ihre Lebensgrundlage auf der kleinen Insel, zu erhalten.
Jede Sippe will sich den schönsten und größten Moai sichern, denn eine Katastrophe bahnt sich an – und nur die Sippe mit den wohlwollendsten Ahnen wird sie überstehen können.

Der erloschene Vulkan Rano Raraku dient als Steinbruch für die Statuen.
Der norwegische Entdecker Thor Heyerdahl versuchte in einem Experiment das Aufstellen eines Moai mit den damaligen Mitteln nachzustellen. 12 Arbeiter benötigten 18 Tage, dann stand der Moai auf seinem Sockel (ahu).

Die Rache der Insel

Nicht nur für den Transport der Moai wurde der Baumbestand der Insel geopfert. Der Bau der Häuser und der Boote haben ebenfalls die kleinen Wälder der Insel verschlungen. Nun gibt es nichts mehr was die harte Witterung der Insel davon abhält die Felder zu zerstören. Die Erosion zerstört die Lebensgrundlage der Menschen. Die Insulaner tun ihr bestes um der drohenden Hungersnot entgegen zu wirken. So werden Steinmauern um Gärten angelegt um sie vor dem Wind zu schützen.
Trotz aller Mühen kommt es um 1600 zur großen Hungersnot. Die verehrten Steinmetze am Fuße des Vulkans verlassen um diese Zeit ihre Werkstätten als sie niemand mehr ernähren kann. Der größte Moai – 20 Meter lang und 270 Tonnen schwer – bleibt unvollendet liegen. Auch eine andere Bedrohung vertreibt sie, denn so schnell die Nahrungsmittel schwinden, so schnell kommt es zu Konflikten die sich in das kollektive Gedächtnis der Insulaner einbrennen.

Die Legende von dem Blutbad das zwei führende Clans untereinander im Überlebenskampf anrichten tragen deren wenigen Nachfahren später den Europäern vor. Der Kampf den die zwei letzten Clans untereinander austragen um den Hungertod zu entgehen wird als Konflikt zwischen einem korpulenten Hanau Eepe und einem mageren Hanau Eepe geschildert. Die Wut unter den Sippen hat sich in umgeworfenen Moai, deren Augen herausgekratzt wurden, verewigt.

Vom einstigen Glanz ist nicht viel über als am Ostersonntag des Jahres 1722 die Niederländer als erste Europäer die Insel betreten.
”Paaseiland“ – Osterinsel, nennen die Seefahrer das einsame Eiland, das 3800 Kilometer vom Festland entfernt liegt.
2000 Insulaner leben noch unter primitiven Bedingungen. Ihre einst mächtigen Katamarane sind längst verfault, so auch die Holzstämme auf dem die Moai einst transportiert wurden. Bauholz gibt es auf der ganzen Insel nicht mehr.
Die Rache der ausgebeuteten Insel – oder der enttäuschten Ahnen – scheint keine Grenzen zu kennen.
Wer die eingeschleppten Krankheiten der Europäer überlebt, versteckt sich in Höhlen um von nicht von Sklavenjägern entdeckt zu werden.
Im Rücken der rund 1000 Moai an den Küsten, werden unzählige Insulaner an Bord von Sklavenschiffen nach Peru verschleppt. Der steinerne Blick der Moai ruht nun auf einer beinahe menschenleeren Insel.
Um 1872 leben nur noch 110 Menschen auf Rapa Nui. 1888 annektiert Chile das Eiland, das wohl nie hätte besiedelt werden sollen.

Hinterlasse einen Kommentar