Còrdoba, al-Andalus, iberische Halbinsel im Jahr 4710 nach jüdischer Zeitrechnung. Lange hat der jüdische Diplomat Chasadi ibn Schaprut auf eine Antwort gewartet, jetzt hält er sie in Händen; Das Antwortschreiben aus dem Reich der Chasaren am Unterlauf der Wolga. Der Herrscher der Chasaren selbst hat den Brief verfasst und gibt dem Diplomaten darin Einblick in ein Reich das es so seit Jahrhunderten nicht mehr gibt.
Er, König der Chasaren, Joseph, Sohn des Aaron sei Teil einer jüdischen Dynastie die über ein gigantisches Reich in der russischen Steppe herrsche. Herrscher und Oberschicht wären vor Generationen zum Judentum übergetreten, in Josephs Reich zahlt weder Jude, Moslem, Christ noch Heide eine Kopfsteuer.
Hier am Hofe von Abd ar-Rahman III., dem Kalifen von Còrdoba, erlebt Chasadi eine ganz andere Realität. Auch wenn Juden angesehene Berufe wie Ärzte, Philosophen und Beamte ausüben, so sind sie doch in Europa immer Diener fremder Herrn. Wie Christen haben auch Juden eine Kopfsteuer an den muslimischen Herrscher zu entrichten.
Im mystischen Reich der Chasaren hingegen, soll es ganz anders aussehen. Liegt das neue gelobte Land Kanaan in der endlosen Steppe Osteuropas?
Das Khaghanat der Nomaden

Wo Joseph später herrschen wird durchstreifen seit Jahrhunderten unzählige Nomadenvölker die Steppe. Irgendwann im Laufe des 7. Jahrhunderts lässt sich ein Verbund aus verschiedenen Stämmen und Sippen nördlich des Schwarzen Meeres, Kaukasus und Kaspischen Meer nieder. Die Nomanden werden sesshaft und begründen ein gigantisches Reich. Die verschiedenen Sprachen und Riten behalten die verschiedenen Kulturen. Ein buntes Gemisch aus Slawen, Türken, Iraner und Kaukasier einigt sich auf eine Herrschaftsstruktur – dem Khaghanat.
Darin verheiraten die Anführer ihre Töchter mit dem obersten Anführer, dem Khagan -das Steppen-Äquivalent eines Kaisers – und entrichten diesem Tribut und sind ihm zur Treue verpflichtet.
Der Khagan ist viel mehr als der oberste Herrscher. Er gilt als Mittler zwischen den Menschen und dem Himmelsgott Tengri. Seine Rolle als Mittler ist absolut. In der Vorstellung seines Volkes sind Plagen wie Dürren ein Zeichen des Himmelsgottes sich dem Herrscher zu entledigen. Schamanen erwürgen das Oberhaupt des Riesenreichs mit einem Seidentuch. Mit seinem Nachfolger wird ähnlich verfahren. Knapp vor dem Erstickungstod, spricht Tengri durch den deliriösen Nachfolger und sagt dessen Regierungszeit voraus. Ist diese abgelaufen wird auch der neue Khagan getötet – so behaupten es die dürftigen Quellen.

Bulan und der Engel
In seinem Schreiben verweist Joseph auf eine Legende wie das Judentum in die Steppe kam: Sein Vorfahr, der Heerführer Bulan, habe durch einen von Gott gesandten Engel den Auftrag erhalten dem israelitischen Gott einen Tempel zu bauen. Ganz wie einst der judäische König Josia. Dieser soll den Heiden Bulan mit folgender Offenbarung zum Judentum bekehrt haben:
„Oh mein Sohn! Ich habe Deinem Wandel zugesehen. Ich weiß, dass du mir mit deiner ganzen Seele folgen wirst, ich will dir daher Gesetz und Recht geben.“
Soweit die Legende. Möglich ist das dieser mysteriöse Bulan auch in eine jüdische Familie einheiratet. Immerhin leben Juden seit dem letzten Konflikt mit den Römern verstreut auch im angrenzenden Persien, Armenien und Byzanz.
Seine Nachfolger herrschen von nun an unter dem Titel bek. Der Khagan bleibt, dient aber nur noch als geistliches Oberhaupt ohne politische Funktion. Später soll auch der Khagan zum Judentum übertreten. Die Oberschicht ist nun jüdisch. Staatsreligion wird das Judentum aber nicht.
Nicht nur spirituell, auch politisch macht es für die Oberschicht Sinn vom Götzendienst abzufallen. Dank dem Bekenntnis zu einer Weltreligion gilt das Reich der Chasaren ebenbürtig mit dem Reich der Byzantiner im Westen und dem muslimischen Abbasiden-Kalifat.
Atil – Metropole der Nomaden
Über beide Seiten der Wolga erstreckt sich die mit Mauern bewehrte Hauptstadt Atil. Vier schwer bewachte Tore führen in das Innere. Um 950 ragen in der Hauptstadt Atil zwischen den Zelten aus Filz und Lehmhäusern Schulen und Synagogen. Behausungen aus gebrannten Ziegeln gibt es nur für die Oberschicht. 20 000 der Bewohner nutzen den hebräischen Kalender (um 950 ist es das Jahr 4710), Feiertage werden eingehalten, das Essen ist koscher und rituelle Waschungen sind Pflicht.
Ganz anders wie der biblische König wird Bulan sein Land nicht von „Götzendienern befreien“. In dem Gemenge aus unterschiedlichsten Kulturen auch ein unmögliches und sinnloses Unterfangen. Im Reich der Chasaren ist religiöse Toleranz Alltag. Die Toleranz hält das Gemenge der Stämme zusammen.
So pflegt der König der Kaukasus-Hunnen am Freitag mit den Muslimen zu beten, am Samstag mit den Juden und am Sonntag mit den Christen. Für jede Religion gibt es eigene Richter, das letzte Wort hat aber immer noch der jüdische König. Neben den Synagogen erheben sich auch Minarette und Kirchen. Auch der Schamanismus – die Ur-Religion der Steppe wird weiterhin gepflegt. Allgemein gilt das Reich als Zuflucht für Menschen, die verfolgt werden. Ein tolerantes offenes Umfeld in dem die Wirtschaft gedeiht.
Ein nördlicher Zweig der Seidenstraße führt durch das Reich der Chasaren, auf dem Karawanen aus China nach Norden ins Land der Slawen und Wolga-Bulgaren, nach Süden ins Kalifat und im Westen schließlich im Byzantinischen Reich münden. Auch die Kontrolle über den Zugang zum kaspischen Meer über den Unterlauf der Wolga ist ein wirtschaftlicher Segen für das Reich. Wem die chasarischen Könige hier passieren lassen, kann im Handel mit der arabischen Welt ein Vermögen machen. Sei es durch Handel oder auch Beutezüge an den Küstenstädten, wie es die furchterregenden Rus machen – Wer auf dem Thron von Atil sitzt, bekommt seinen Anteil an der Beute.
Das Steppenreich der jüdischen Dynastie ist mächtig, zu mächtig für seine Nachbarn und damit beginnt das Ende des Großreichs.

Gewitterwolken über Atil
Bereits um 922 schließen die eigentlich dem Chasarenreich tributpflichtigen Wolga-Bulgaren mit dem südlichen Kalifen einen Pakt. Vom Heidentum treten sie in den Islam ein. Ein Problem für das Reich, das zu einem großen Teil auf muslimische Söldner setzt, die nicht bereit sind gegen Glaubensbrüder in den Kampf zu ziehen.
Auch das christliche Byzanz beginnt sich abzuwenden. Einst galt das Reich der Chasaren als Bollwerk gegen die muslimische Expansion. Doch mit dem Übertritt zum Judentum kühlt das Verhältnis ab.
Zu Beginn des 10. Jahrhunderts verbündet sich der byzantinische Kaiser dann mit mehreren Nomadenvölkern gegen die Chasaren. Zwar können die folgenden Übergriffe abgewehrt werden, doch die einst starke Bande, geformt durch Vermählungen, Handel und militärischen Beistand zwischen den Reichen ist gebrochen.
Der byzantinische Kaiser Romanus, erfasst vom religiösen Eifer, beginnt alle Juden in seinem Reich mit Gewalt in den Schoss der Kirche zu bringen. Synagogen werden zerstört und hunderte Juden ermordet. Wer kann flieht in die Steppe; ins Reich der Chasaren.

Der dort herrschende König Joseph sinnt nach Vergeltung für das geflossene Blut. Er lässt die Christen im Reich verfolgen und töten. Der Bruch mit Byzanz ist damit endgültig.
Um ein weiteres Mal sucht Romanus Verbündete und findet sie wie zuvor unter den slawischen Völkern. Die Rus, angeführt von schwedischen Wikingern und später unter diesen geeint werden zu hartnäckigen Feinden der Chasaren.

Ein weiterer Exodus
930 erobern die Rus, im Auftrag des byzantinischen Kaisers, die chasarische Garnisonsstadt Kiew. Der Anführer der plündernden Horde, macht diese prompt zu seiner Kapitale.
Erst Jahre später kann Joseph die Rus zurückschlagen. 965 ziehen die Rus dann den Don hinauf. Abermals stellen sich die Chasaren ihnen entgegen und verlieren eine weitere wichtige Festung und gleich darauf die Entscheidungsschlacht. Mit jeder weiteren Niederlage werden Fakten und Hinweise spärlicher. Ob es die Rus oder ein anderes Volk sind, das wenig später die Metropole Atil im Jahre 967 in Schutt und Asche legt, weiß heute niemand mehr so genau.
Die jüdische Oberschicht bricht auf, sucht Zuflucht im Kaukasus andere gehen in slawischen Gemeinden auf. Die meisten dürften in die östlichen muslimischen Fürstentümer geflohen seien, wo sie dort östlich des Kaspischen Meers zum Islam konvertieren.
Bis 1016 berichten die Quellen von einem chasarischen Restreich, das byzantinische Truppen zusammen mit den Rus erobern. Den letzten Herrscher nehmen sie gefangen. Georgius Tzul – ein Christ.
Das Reich der Chasaren mit ihrer jüdischen Oberschicht und Herrschern bleibt in der Geschichte eine Besonderheit, auch wenn die Quellen dürftig sind und Historiker, den Brief Josephs an Chasdai anzweifeln. Seit dem babylonischen Exil hat nie wieder eine jüdische Dynastie so lange ein Land regiert. 150 Jahre herrschten jüdische König in der Steppe über ein Reich, das um einiges größer war als das gelobte Land Kanaan.
