
Hof Brattahlid (steiler Abhang), Grönland, Winter 1000 nach Christus. In der monatelangen Finsternis peitscht der arktische Sturm über die zu Eis erstarrte Landschaft Grönlands. Die Menschen, die hier siedeln haben sich in ihren kleinen Erdbehausungen, den kleinen Grassodenhäusern, vor der Kälte zurückgezogen. Wie Bären, denen die Bewohner in ihren Fellen ähneln, warten sie den Winter ab. Der Alltag in der totalen Finsternis, nur erhellt durch ein kleines Herdfeuer, ist trostlos. Selbst für die abgehärteten Skandinavier.
Die Höfe auf Grönland, das Einwanderer aus Island erst vor vierzehn Jahren zu besiedeln begannen, liegen weit auseinander um Streitigkeiten zu vermeiden.
Besuch ist deshalb selten, vor allem um diese Jahreszeit.
Der Bericht des Bjarne Herjolfson
Es ist die Zeit, in der Geschichten im kargen Licht des Herdfeuers vorgetragen werden. Sagen über mächtige Götter, Seefahrer die Seeungeheuern trotzen und fremden Küsten. An eine dieser fremden Küsten habe es Bjarne Herjolfson verschlagen – so die Gerüchte, die einer der Männer am Feuer wiedergibt. Er sei Kaufmann gewesen und als solcher segle er ständig zwischen Island, wo sein Vater lebt und Norwegen und wieder zurück. Als er heimgekehrt sei, sei sein Vater verschwunden gewesen. Er sei nach Grönland aufgebrochen, hieß es. Der erfahrene Seemann machte sich mit einer Besatzung auf um den verschollenen Vater zu finden. Er sei tagelang durch Nebel gesegelt bis sich vor ihrem Schiff eine bewaldete Küste auftat. Es war als wären sie in einer anderen Welt. In Grönland konnten sie nicht sein, denn hier muss man bekanntlich die Fjorde hineinfahren um die wenigen spärlichen Wälder zu erreichen. Doch an diesem Ort reichen die Wälder bis ans Meer. Tagelang seien sie der Küste entlang gesegelt. An Land wollte niemand gehen, irgendetwas stimmte hier nicht. Außerdem habe die Zeit gedrängt, so der Kaufmann. Jeder Isländer, wie Grönländer wisse ja wie schnell der Sommer im Norden vorbei sei und Wärme wie Sonne von Eisbergen, Nebel und Stürmen abgelöst werden.
Jedenfalls habe man einen Schwenk nach Osten gemacht und sei nun endlich auf Grönland gelandet wo Vater und Sohn sich in die Arme fielen. Wo genau Bjarne und seine Mannschaft gesegelt sei und was es mit der fremden Küste auf sich hat, darüber kursieren verschiedene Gerüchte. Wo die bewaldeten Küsten liegen bleibt ein Rätsel.
Gebannt hört der Sohn des Grönlandentdeckers Erik des Roten (Das größte Abenteuer des Nordens Teil1: Erik der Rote) zu, während die Geschichte vorgetragen wird. Schon länger kursiert die Geschichte von Bjarne Herjolfson und die „bewaldeten Küsten“. Es ist Leif Eriksson, dessen Entdeckergeist in einer eiskalten, finsteren Winternacht geweckt wird. Monate der Finsternis werden vergehen ehe es Wind und Wetter zulassen in See zu stechen.
Der Sohn eines Entdeckers: Mutig, maßvoll und gerecht.
Was ist da westlich von Grönland? fragt sich Leif wahrscheinlich den ganzen Winter hindurch. Als das Eis schmilzt hält er es nicht mehr aus. Der Entdeckergeist liegt in der Familie und im Frühjahr 1001 macht er den rätselhaften Bjarne ausfindig und erwirbt sein Schiff und wahrscheinlich heuert er auch gleich die ehemalige Besatzung wieder an. Die Saga berichtet von 35 Mann.
Mit den berühmten schlanken Drachenbooten der Wikinger hat Bjarnes Schiff nichts gemein. Plump, Hochbordig, kaum zu rudern aber gut zu segeln, ist es die „Knorr“ in ihrer Bauweise der perfekte Schiffstyp für lange Reisen über den Nordatlantik.
Dennoch, die Natur ist unbarmherzig. Auch zu den Nordmännern. Fracht und Vorräte werden in wasserdichten Häuten vernäht, den oft schwappen Wogen eiskalten Wassers ins Schiff.


„ein großer, kräftiger Mann, sehr stattlich anzusehen, klug, maßvoll und gerecht“
Beschreibung des Leif Eriksson in der Grönländer Saga.
Leif wartet ungeduldig bis der letzte große Eisberg Anfang August jenseits der Küste vorbeitreibt, dann stechen die Nordmänner eilig in See.
Leif und seine Besatzung wissen: die Zeit läuft. Den in ein paar Wochen machen Eis und Sturm das Meer erneut zu Todesfalle. Das Zeitfenster will also bestens genutzt werden. Dabei verlässt Leif sich vor allem auf den angeheuerten Styrimadr, der sich allein auf die Navigation konzentriert. Orientiert wird am Stand der Gestirne. Verhängen Wolken den Himmel greift der Styrimadr zu einem sòlarsteinn, ein mittelalterliches Äquivalent zum Feldspat. Der Kurs lautet West-, dann auf Nord Kurs, die grönländische Westküste entlang.
Auf dem offenen Meer sucht die Besatzung unentwegt den Horizont nach Spiegelungen ab. Diese entstehen, wenn die Sonne von den Gletschern reflektiert wird – ein gleisendes Licht, das man schon aus 100 Kilometer Entfernung ausmachen kann.
Nach nur zwei Tagen auf offener See wird so ein Licht entdeckt und das Land angesteuert. Doch das Land entpuppt sich als eine einzige Steinplatte, flankiert von Gletschern. Eindeutig nicht die bewaldete Küste von der Bjarne erzählt hatte. Immerhin, eine Entdeckung. Leif bleibt laut Grönländer Saga enthusiastisch:
‚Ich will diesem Land einen Namen geben. Es soll Helluland heißen.‘
Das heutige Baffin Island ist alles andere als ein Paradies. Leif steht vor einer Entscheidung, noch könnte er zurücksegeln. In ein paar Wochen aber wird es zu spät sein um umzukehren und hier zu überwintern ist auch keine Option, sondern eine Todesfalle.
Leif setzt auf Risiko und lässt Segel setzen: Kurs Süd, der Strömung mit den Eisbergen entlang.
Nach weiteren zwei Tagen, die nächste Entdeckung:
„Dieses Land war flach und bewaldet und soweit sie sehen konnten, erstreckte sich ein weißer Sandstrand, der zum Meer hin sanft abfiel. Da sagte Leif: ‚Wir wollen auch diesem Land einen Namen geben, der zu ihm passt, und werden es Markland (Waldland) nennen. Dann gingen sie an Bord, so rasch sie konnten.“
Zeit für Erkundungen haben die Männer nicht. Auch wenn Holz in Skandinavien Reichtum bedeutet, sind sie immer noch Viehbauern. Reichtum sind für sie Weideländer und kein Holz der Welt. Abermals wird eilig wieder in See gestochen, der kommende Winter ist ihnen dicht auf den Fersen, oder wie es in den Sagen heißt der schreckliche Meerestroll Hafgerdingar der Hüter aller Stürme und Wogen. Doch die Götter sind auf Leifs Seite.
Ankunft im Paradies
„Jetzt segelten sie vor gutem nordöstlichem Wind auf das Meer und sahen nach zwei Tagen Land. Als sie näherkamen, trafen sie eine Insel, die nördlich des eigentlichen Landes lag. Sie betraten die Insel bei gutem Wetter. Sie sahen, dass das Gras betaut war, und wenn sie die Hände zum Tau hin und dann zum Munde führten, meinten sie, sie hätten noch nie zuvor etwas so Süßes geschmeckt.“
Leif betet zum Allmächtigen, vielleicht auch zu den alten Göttern, endlich das ersehnte Land am Horizont zu finden. Als sich der Nebel lichtet, erblickt die Mannschaft eine Küste, gesäumt mit Wäldern, dazwischen saftige Weiden. Keine öden Steinplatten, keine Gletscher- die Geschichten sind also wahr! Mit einer Mischung aus Ungeduld, Vorfreude und Vorsicht wartet die Besatzung bis der Styrimadr die Knorr in eine Bucht manövriert und das Schiff sanft auf dem Kies auflaufen lässt.
Leif und seine Mannschaft löschen die Ladung und schlagen ein Lager auf, aus dem später eine kleine Siedlung werden soll und sie erhält einen Namen: Leifsbudir („Leifs Häuser“).
Hier wird der mythische Bericht der Grönländer Saga handfest. 959 Jahre später findet der norwegische Hobby-Archäologe Helge Ingstad die Überreste jener Siedlung. Und nicht nur das. Eine fingerlange Bronzenadel, wie sie die Nordmänner um das erste Jahrtausend in ihren Gewändern getragen haben wird gefunden.
Leifs Ankunft auf Neufundland ist somit eine erwiesene Tatsache.
Baulich bleiben die Neuankömmlinge beim Gewohnten: Die Grundfeste von drei Häuser und fünf Nebengebäude, nach derselben Bauart wie auf Grönland und Island kann Ingstad Jahrhunderte später freilegen.
Nicht nur Weideland und Holz ohne Ende finden die Wikinger vor. Auch Klumpen minderwertigen Erz werden in den Flüssen des Hinterlands gefunden. Viel Metall ist dabei nicht herauszuholen, aber genug um Angeln für die Türen der Häuser und neue Nieten für das Boot herzustellen.
Aus ihrem sichern Versteck werden die bisher unentdeckten Ureinwohner Zeuge wie in Amerika zum ersten Mal Eisen geschmiedet wird. Ungläubig und womöglich verängstigt sehen sie zu wie die bärtigen Fremden ein anderthalb Meter breites Loch graben, in welches sie Holz zu Holzkohle verglimmen um das Sumpfeisen schmelzen.
Und dann erst die Werkzeuge und Waffen der zottligen Fremden. Lanzen mit Eisenspitzen, glänzende Klingen, Äxte und eiserne Schildbuckel. Einer von ihnen hat sogar eine Haube aus Eisen bei sich. Man kann nur mutmaßen was die Einheimischen durch den Kopf ging. Wer sind diese fremden Menschen? Ein fremder Stamm? Sind es Monster oder Götter? Vielleicht beides?

Die Sage vom Weinland
Eines Abends vermissen die Nordmänner einen der ihren. Tyrkir fehlt. Der sonst so beherrschte Leif wird nervös und ungeduldig, während er mit den anderen nach ihm sucht. Tyrkir ist nicht irgendein Besatzungsmitglied. Der betagte Tyrkir, wurde als junger Mann aus Deutschland verschleppt und fand sich später im Hause von Leifs Vater Erik den Roten wieder. Tyrikir ist für Leif wie ein Vater. In den Sagas nennt Leif ihn „Ziehvater“.
Zwischen knorrigen Bäumen und wildwachsenden Weinreben findet ihn der erleichterte Leif. Lebend aber lallend erzählt Tyrikir von den hier wachsenden Trauben, die er gegessen habe. Schon bald habe der einsetzende Rausch es ihm unmöglich gemacht aufzustehen. Leif lässt die Weinreben schlagen und im Schiff verstauen. Später will er sie als Beweis für das Paradies nach Grönland bringen. Und einen Namen für das Land des Überflusses hat er nun auch parat: „Vinland“, das Weinland.
Eine abenteuerliche Fahrt ins Ungewisse, fremde Küsten, damit können die Dichter der Sagas arbeiten. Dabei ahnt niemand, dass das entdeckte „Markland“ auf einem gewaltigen Kontinent liegt. Davon werden die Menschen in Europa erst 491 Jahre später nach und nach erfahren, nachdem Christoph Kolumbus von seinem Abenteuer heimkehrt.
Doch die Episode mit dem Wein ist eine Sage ohne echten Kern. Weder hier in Neufundland, noch in Island, Norwegen und Grönland wachsen Weinreben. Es ist schlichtweg zu kalt. Wein wird importiert. Eine teure Luxusware die sich im Norden nur Häuptlinge und Könige leisten können.
Der Name eines sündhaft teuren Luxusguts wirkt passend für das gefundene Paradies.
Doch mit der Silbe „vin“ meint Leif Eriksson einen anderen Schatz: „Weide“.
Und Neufundland ist ein Weideland von unbekanntem Ausmaß. Wie einst der Name Grönland, soll nun Vinland Viehbauern anlocken – mit Leif Eriksson als ihren Herrscher.
Leif und seine Männer können eine Rückfahrt nicht mehr riskieren und bereiten sich auf einen harten Winter vor – der bei weitem nicht so hart wird wie erwartet.
„Kein Frost kam im Winter“ heißt es in der Saga.
Um das Jahr Anno Domini 1002 kehrt legt Leifs Schiff vor dem Hof seines Vaters an. Erik der Rote könnte nicht stolzer auf seinen Sohn sein, als dieser den Grönländern von Holz, Eisen, Weiden, Pelzen und den milden Wintern im „Vinland“ erzählt.
Die Frage ob nicht doch jemand bereits in so einem Paradies lebt, verneint Leif. „Vinland“ ist so menschenleer wie einst Grönland. Niemand werde ihnen das Land streitig machen. Er sollte sich täuschen.
