
Im achten Jahrhundert brechen immer mehr Menschen aus Skandinavien auf zu neuen Ufern. Mal kommen sie als Händler, mal als gefürchtete „Wikinger“. Karl der Große muss sein Reich noch im hohen Alter gegen sie wappnen. Ganz Europa zittert vor den berühmten Drachenbooten, die die Nordmänner selbst durch die seichtesten Flüsse Europas rudern und so aus dem Nichts über ahnungslose Dorfbewohner herfallen. Dörfer werden in Brand gesteckt, Land beansprucht, Armeen geschlagen und Klöster ausgeraubt. Selbst das weiße Meer überqueren schwedische Wikinger und gelangen so auf die gewaltigen russischen Ströme wie den Dnjepr und den Don. Die Gründe für den skandinavischen Exodus sind vielfältig. Abenteuerlust, die Aussicht auf Beute und Reichtum oder wie von Zeitgenossen oft behauptet aufgrund Platzmangel in der Heimat, die Reise der nordischen Heiden endet immer gleich: Sie lassen sich nieder. Vermischen sich mit den Einheimischen, konvertieren zum Christentum und legen Axt und Schwert beiseite und treiben stattdessen ihr Vieh auf saftige Weiden. Im Kern sind die meisten Wikinger einfache Viehbauern. Nach England, Irland und den Shetland Inseln wiederholt sich das Muster auch auf Island. Von hier aus sollte das größte Abenteuer des Nordens beginnen.



Die Ilias des Nordens
Von Generation zu Generation werden die Heldentaten der Nordmänner überliefert. „Skalden“, Dichter und Geschichtenerzähler ziehen von Hof zu Hof, wo ihre Zuhörer gebannt ihren Erzählungen von Sagen und Gedichten lauschen. Vor allem in den langen skandinavischen Wintern erfreuen sich die Vorträge dieser fahrenden Dichter höchster Beliebtheit.
Geschichten über Trolle und Entdecker schmücken die Skalden aus. Übertreiben ein wenig, lassen in ihren Augen Unwichtiges weg. Ein Sterblicher, der in ihren Epen vorkommt wird durch ihre Schilderungen zum Unsterblichen.
Doch erst Geistliche sollten nach 1200 die Sammlung der anonymen Geschichten aufschreiben. Der Nachwelt bleiben so zwei Berichte erhalten. Die „Grönländersaga“ und die „Saga von Erik dem Roten“. Auch wenn sie sich in manchen Punkten wieder sprechen, vor allem die „Grönländersaga“ ist eine historische Quelle von unschätzbarem Wert, die durch Funde sogar archäologisch untermauert ist.
Um 1000 breitet sich durch Missionare und Priester das Christentum bis nach Grönland aus. Der ganze Norden ist nun christlich und untersteht nun dem Erzbischof von Hamburg und Bremen.
In der 1075 verfassten „Gesta-Hammaburgensis ecclesiae pontifcum“ schreibt der Historiker und Kleriker Adam von Bremen nieder was ihm ein ehemaliger Heide -vielleicht sogar ein Skalde? -in Island über eine ferne Insel, die man unter „Weinland“ kenne, schilderte;
„Und hinter dieser Insel ist kein bewohnbares Land auf diesem Ozean zu finden, aber alles jenseits ist erfüllt von unbezwingbarem Eis und undurchdringlichem Nebel.“
Heute ist man sich einig, dass es sich bei diesem kurzen Einzeiler um die erste schriftliche Erwähnung Amerikas handelt. Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus.
Flucht nach Grönland
Island, 982 nach Christus. Erik hat es eilig. Einmal mehr steht der Hüne unter Mordverdacht. Gewalt scheint in der Familie zu liegen, die Sagas berichten das Erik und dessen Vater bereits im Jahr 950 aus ihrer Heimat Norwegen fliehen mussten. Damals schon wird Eriks Vater ein Mord zur Last gelegt.
Dieses Mal ist es ein Nachbarschaftsreit. Erik löst die Diskussion mit seiner Axt, spaltet seinen zwei Kontrahenten den Schädel. Der thing, der Rat aller freien Männer auf Island hat genug von dem notorischen Totschläger mit markanten roten Bart und roten Haupthaar. Sie verurteilen Erik den Roten zu drei Jahren Acht. Drei Jahre Acht bedeuten, drei Jahre lang ständig über die Schultern blicken, drei Jahre lang Türen verbarrikadieren, drei Jahre lang die Wege meiden, drei Jahre lang die Bewohner Islands meiden. Denn jeder darf Erik während diesen drei Jahren straflos töten. Nur selten überlebt ein Verurteilter mehr als ein Woche. Erik, der es mittlerweile zu etwas gebracht hat, ist als Wohlhabender doppelt gefährdet, den sein möglicher Mörder würde sich auch einen Teil seiner Habseligkeiten krallen.

Doch dieses Mal hat Erik vorgesorgt. Und er hat mächtige Freunde die ihm bedingungslos folgen. Als habe er gewusst das es auch auf dem einsamen Island wieder Probleme geben wird, hat er bereits ein Schiff gekauft und versteckt.
Der hitzköpfige Totschläger hat einen Grund mehr vorbereitet zu sein; seine Frau Tjodhild hatte ihm bereits einen Sohn geboren: Leif.
„14 oder 15 Jahre, bevor das Christentum nach Island kam“ notiert ein Chronist, legt Erik und sein Gefolge aus ebenfalls Geächteten ab. Ihr Ziel ist eine Küste, die bis jetzt nur sturmgetriebene Seefahrer aus der Ferne gesehen haben. Eine Welt aus Eis, Gletscher die das Sonnenlicht brechen und für ein gespenstisches Funkeln sorgen, nackter Felsen, von Trollen ist die Rede – wie dem schrecklichen Menschenfresser Margygjar, dem man eine Vorliebe für zu neugierige Seefahrer nachsagt. Und am schlimmsten: Nicht einen Grashalm soll es auf dieser toten Landmasse geben. Eine Landmasse die jeden Seefahrer gerade zu entgegen schreit das hier nur der Tod wartet. Genau dorthin zieht es Erik. Auch weil ihm wahrscheinlich nur die Flucht in die Fremde übrig bleibt.
Zusammen mit Tjodhild und dem kleinen Leif und seinen Anhängern – ebenfalls Geächtete, bricht Erik zu den eisigen Küsten auf. Die Auswanderer segeln im Süden der Westküste einen Fjord entlang und lassen so den trostlosen Eispanzer, der immerhin den aller größten Teil der zwei Millionen Quadratkilometer großen Insel bedeckt, hinter sich. Hier finden sie Karibu-Herden, Flüsse voller Lachs und am wichtigsten: Weideland für ihr Vieh. Drei Jahre lang wird das fremde Eiland erkundet. Fjorde und Berge benannt und die typisch nordischen Hütten aus Grassoden gebaut. Die Winter hier dauern sieben Monate, doch die Einwanderer sind sich einig: der grüne Westen bietet ungeahnte Möglichkeiten. Auf Menschen treffen sie in all den Jahren nicht. Auch von jenen die sich in Höhlen mit Felsmalereien verewigt haben, fehlt jede Spur. Erik und seine Anhänger beginnen das Grünland = „Grönland“ unter sich aufzuteilen.

Nach drei Jahren kann Erik nach Island zurückkehren. Die Acht ist abgelaufen und Erik rührt die Werbetrommel für sein „Grünland“. Hunderte Isländer wittern ihre Chance und folgen einem Mann, den sie noch vor ein paar Jahren ausgestoßen oder gar umgebracht hätten. Die Überfahrt ist mörderisch. Nebel, der aus dem Nichts aufzieht, Eisberge, die die dünnen Bordwände durchbrechen und nicht wenige die die Küste verfehlen und in die Leere des Atlantiks segeln. Von 35 Schiffen, legen nur 14 in Grönland an. Jene die es geschafft haben, teilen Land unter sich auf, auf welches sie ihr Vieh treiben. Die Skandinavier lassen sich an zwei Orten nieder, einer westlichen und einer östlichen Siedlung. Grassoden werden ausgestochen um sie zu meterdicken Hauswänden aufzuschichten. Niedrig und fensterlos müssen sie sein um in den frostigen Wintermonaten ein Refugium der Wärme zu sein. Holz dagegen ist absolute Mangelware. Die Bewohner der Grassodenhütten heizen mit Mist. Sitzgelegenheiten werden aus Walwirbeln angefertigt.
Erik ordnet an die Höfe der Siedler weit entfernt von einander zu errichten, um Streitigkeiten und gespaltene Schädel zu vermeiden. In der westlichen Siedlung, die rund 650 Kilometer nordwestlich der Östlichen Siedlung liegt, lässt sich Erik und seine Familie nieder. Das beste Stück Land sichert sich so der Häuptling der Pioniere. Sein Hof erhält den Namen Brattahild am Eriksfjord. Wie es sich für einen Häuptling gehört wird eine große Halle errichtet, von wo aus Erik über die Neue Welt herrscht. Neben kleineren Nebengebäuden, wird auch eine kleine Kirche , ganz nach skandinavischer Bauweise nicht nur für seine christliche Frau, sondern auch für die wachsende Anzahl Neuchristen erbaut. Das Christentum verbreitet sich schnell unter den Grönländern. Neben der Kirche wird auch ein Friedhof angelegt. Hier sollen die Erikssons ihre letzte Ruhe finden. Die Überreste der Kirche und 144 Gräber werden später Archäologen freilegen und auf eindeutige Indizien für eine Welt der Gewalt stoßen.
Der Wagemut der Auswanderer zahlt sich aus. Nicht nur Weideland, sondern auch Fisch gibt es mehr als genug. Selbst Elfenbein können die Auswanderer aus den Stoßzähnen der heimischen Walrösser gewinnbringend verkaufen. Erik der Rote, ein Tunichtgut, ein Habenichts, ein Mörder, ein Ausgestoßener, der seine Heimat verlassen musste, bringt es dank seines Wagemuts in Grönland zum Häuptling und Legende.
Erik und seine Familie, die noch weitere Entdecker hervorbringen wird, leben jedenfalls auf ihrem Hof „Brattahlid“ (steiler Abhang) in Harmonie und Wohlstand. Die Zeit der gespaltenen Schädel ist vorbei – so berichtet die Saga.


Doch eines fehlt: Wälder. Dafür ist das Klima hier zu kalt. Erkundungen zu Schiff in Richtung Süden bleiben mangels Baumaterial daher vermutlich die Ausnahme. Bis Leif, Eriks Sohn, in einer kalten Winternacht Gerüchte über ein fremdes Land aufschnappt in dem es Holz und noch mehr Weideland geben soll.
Überlebenskampf im Eis
Ein ordentliches Begräbnis ist den Grönländern wichtig – nicht nur ihnen und ihren Liebsten. Auch hier macht sich der Einfluss des Christentums bemerkbar. Die Grönländer Annalen, verweisen auf einen gewissen Einar Sokkason, der auf einer Expedition ins Hinterland ein Schiffswrack vorfand. Im Bauch des zerstörten Schiffs sollen noch die Leichen der Besatzung gelegen haben. Um sie nicht der Witterung zu überlassen befahl Einar „die Leichen in kochendes Wasser zu legen …, sodass das Fleisch von ihren Knochen getrennt werden kann, dann man sie leichter zur Kirche bringen.“ Nicht nur die raue Umwelt setzt den Skandinaviern auf Grönland zu. Geschätzt wird das im altnordischen Grönland etwas 1500 Menschen gelebt haben sollen. Diese geringe Bevölkerung muss sich mit Epidemien und Gewalt herumschlagen. Für letzteres sprechen auch die Funde aus dem genannten Friedhof. Neben einem Massengrab in dem die einzelnen Knochen von dreizehn Männern gefunden werden, findet man in einem weiteren Grab ein Skelett mit rostigen Messer zwischen den Rippen. Nicht wenige der gefunden Schädel weisen Verletzungen auf die eindeutig auf von scharfen Waffen herrührten. Die Gewalt unter konkurrierenden Häuptlingen gehörte auch in der Neuen Welt zum harten Leben der Auswanderer. Und sie steigt an. 1350 bricht der Kontakt zur Westsiedlung ab, als sich der Priester Ivar Bardarson auf dem Weg mach um nach dem Rechten zu sehen, findet er sie verlassen vor.Die skandinavische Bevölkerung Grönlands beginnt im weiteren Verlauf des Mittelalters zu verschwinden. Bis ins frühe 15. Jahrhundert gibt es von Dänemark aus noch Kontakt mit den Grönländern. Im 17. Jahrhundert trifft man keinen einzigen mehr an. Was aus ihnen wurde, bleibt ein Mysterium. Vielleicht ist die Gewalttätigkeit der altnordischen Gesellschaft, vielleicht auch Krankheiten oder gar eine Umsiedlung ins nordöstliche Nordamerika. Grönland ist wie bei seiner Entdeckung durch Erik den Roten wieder menschenleer – bis die Inuit zurückkehren.
Wie die Skandinavier und ihre Skalden Mythen und Legenden von Generation zu Generation überliefern, wird auch die Begegnung mit den skandinavischen Pionieren bei den Inuit überliefert. Ihre Mythen und Geschichten schreiben sie Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Darin heißt es:
„In vergangen Zeiten, als die Küste weniger bevölkert war als jetzt, da stieß die Besatzung eines Schiffs … in der Nähe von Kangiusak … auf ein großes Haus; als sie näher kamen, wussten sie nicht, was sie von diesen Menschen halten sollten, denn sie sahen, dass es keine Inuit waren. So waren sie ganz unerwartet auf die ersten nordischen Siedler gestoßen. Auch diese sahen ihrerseits zum ersten Mal die Ureinwohner des Landes.“

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