Diagnose: „Cäsarenwahn“ : Als in Rom der Wahnsinn regierte

„… weder Körper noch Geist seien in Ordnung gewesen“ weiß der römische Schriftsteller Sueton über einen der berüchtigtsten Antagonisten der römischen Antike zu berichten. Vier Jahre lang regiert Kaiser Caligula über das mächtigste Reich der Welt und wird danach nicht nur als paranoider Despot, sondern auch als medizinischer Fall in die Geschichte eingehen.

Germanien 14 nach Christus.
Es sind große Fußstapfen, in die das „Stiefelchen“, der kleine Sohn des berühmten Feldherrn Germanicus treten soll. „Stiefelchen“ nennen die Legionäre den Sohn ihres Feldherrn, da der junge Gaius stets in Soldatenkleidung wie den typischen Stiefeln der römischen Soldaten den „Caligae“ durch das Legionslager am Rhein streift.
Caligula wird in eine brutale Welt geboren. Sein Vater Nero Claudius Germanicus trägt sein Cognomen nicht ohne Grund. Kurz zuvor hatte er den Oberbefehl zur Sicherung der Rheingrenze erhalten, nachdem im Jahre 9 nach Christus mehrere Legionen in einem Hinterhalt im Teutoburger Wald gelockt wurden. Ein Verbund aus den germanischen Stämmen der Cherusker, Marser und Brukterer, metzelte dort binnen drei Tagen, drei Legionen nieder.
Als Germanicus den Ort der Schlacht auffindet, sollen einige Legionäre als Opfergabe noch in den Bäumen gehangen haben.
Germanicus geht mit äußerster Härte gegen die verschiedenen Stämme der Germanen vor, schont dabei wie in vormodernen Kriegen üblich auch nicht die Zivilbevölkerung der Stämme und kann mehrere verlorene Feldzeichen wieder ins römische Gewahrsam bringen.
Als 14 n. Chr. Kaiser Augustus verstirbt, kommt es unter den Legionen zur Meuterei. Niemand geringeren als Germanicus, dem Rächer der Blamage im Teutoburger Wald, wollen sie als neuen Kaiser haben -und rufen ihn prompt dazu aus.
Germanicus lehnt entscheiden ab.
Das würde einen Bürgerkrieg bedeuten, den Augustus Nachfolger Tiberius übernimmt inzwischen die Kaiserwürde. Die Legionäre bleiben hart.
Doch kommen sie zur Vernunft als Caligulas Mutter Agrippina die Ältere sich und das „Stiefelchen“ im Gebiet der germanischen Ubier (heute Köln) in Sicherheit bringen will.
Niemand unter den Legionären will den kleinen, possierlichen Caligula zumuten unter Barbaren aufzuwachsen.

Harte Kindheit, Psychoterror und die absolute Macht


Das Römische Reich und sein Kaiser beanspruchen die Dienste des Kriegshelden Germanicus auch am anderen Ende des römischen Einflussgebiets, wohin der beim römischen Volk sehr beliebte, vielleicht zu beliebte, Feldherr aufbricht. Es sollte seine letzte Reise sein.
Als Caligula gerade einmal sieben Jahre jung ist, verstirbt der berühmte Vater im Osten des Reiches.
Die mysteriösen Umstände seines plötzlichen Todes sorgen im Reich für Spekulationen.
Fürchtete der neue, unbeliebte Kaiser Tiberius einen Putsch? Hatte jemand aus dem Stamm der germanischen Marser, Rache für seine Angehörigen genommen?

Während Caligula und das Volk von Rom um Germanicus trauern, entladen sich die Auseinandersetzungen zwischen Caligulas Mutter und dem Kaiser. Darin geht es um den Ranganspruch auf dem Kaisertitel, den Germanicus durch seine Adaption ins Kaiserhaus 4 n.Chr. seiner Familie hinterlassen hat. Beide Seiten streiten leidenschaftlich um die höchste Würde im Weltreich. Agrippina unterliegt und wird 29 n.Chr. verbannt. Sein ältester Bruder Nero erleidet das gleiche Schicksal.
Das „Stiefelchen“ Caligula hat nun kein Zuhause mehr und wächst nun im Haushalt seiner Großmutter Antonia und der Urgroßmutter Livia auf.
Die Jahre 30 und 31 n.Chr. meinen es nicht gut mit den mittlerweile 19jährigen Caligula. Nicht nur soll ihn Tiberius in seiner Residenz in Capri einen regelrechten Psychoterror unterzogen haben, auch beide Brüder Nero und Drusus scheiden kurz nacheinander aus dem Leben.
Damit ist Caligula der letzte männliche Spross seiner Familie.
Zeitgenossen zufolge lässt sich Caligula von all dem nichts anmerken. Tiberius, dem gegenüber er ein unterwürfiges, fast schon sklavisches Verhalten an den Tag legt, schleudert ihm weiterhin Beleidigungen entgegen, die abzuprallen scheinen.
Niemand ahnt zu dem Zeitpunkt, dass es in Caligula arbeitet. Er beginnt Vorkehrungen zu treffen um nach dem Tod des Tiberius Herrscher über das römische Reich zu werden.

Bei all der Abneigung mit der Tiberius Caligula entgegentritt, vermacht er ihm in seinem Testament von 35 n.Chr. die Hälfte seines Vermögens, die andere Hälfte soll sein leiblicher Enkel Tiberius Gemellus erben. Vielleicht eine Folge des Streits mit Agrippina, die mittlerweile im Exil verstorben ist.
Selbst den Tod der Mutter lässt sich Caligula nicht anmerken und paktiert unbemerkt mit dem Prätorianerpräfekt Macro um sich nach dem Tod des Kaisers ein schnelles Handeln zu sichern.
Am 16. März 37 n.Chr. verstirbt Tiberius in Misenum – böse Zungen behaupten später das Prätorianerpräfekt seinen Anteil daran hatte.
Macro und seine Prätorianer handeln wie ausgemacht und rufen Caligula zum Kaiser aus. Zwei Tage später verleiht ihm der römische Senat die kaiserlichen Gewalten. Briefe mit der Aufforderung ihm, den neuen Kaiser von Rom, den Treueeid zu leisten werden in alle Ecken des römischen Reichs gesendet.

Erleichterte Senatoren und Spiele ohne Ende
Am 28.März herrscht in Rom Freudenstimmung und der Sohn des berühmten Germanicus wird mit allem Pomp empfangen. Caligula scheut keine Staatskosten um Volk und Senat von Rom zu zeigen, dass er der Mann der Stunde ist. Spiele, Brot und Wagenrennen – Caligula greift tief in die Staatskasse.
Man ist erfreut das der Despot Tiberius nun endlich in der Unterwelt weilt. Er hatte Rom mit einer Serie von Prozessen und Hinrichtungen überzogen und sich anscheinend in seiner Residenz in Capri der sexuellen Völlerei hingegeben. Dabei sei er endgültig wahnsinnig geworden, urteilt der Senat und will die Leiche des Kaisers am liebsten im Tiber versenken.
Mit dem jungen Caligula sollte eine neue Zeit anbrechen – als Sohn des Germanicus könne er womöglich den ersten vergöttlichten Kaiser Roms -Augustus- das Wasser reichen.
Doch wo Augustus eine Stadt aus Stein zu einer Stadt aus Marmor formte, sollte Caligula auf ganz andere Weise in die Geschichte eingehen.
Er ist erst 24 Jahre jung und will die absolute Macht.

Der Senat verleiht dem jungen Mann den Augustus-Titel und bietet ihm -rein pro forma- den Titel „Vater des Vaterlandes“ an. Während Tiberius diese ultimative Ehrung klugerweise und auch aus Ehrfurcht abgelehnt hatte, nimmt Caligula sie ein halbes Jahr später an.
Nun mit den kaiserlichen Gewalten ausgestattet, macht sich Caligula daran das Testament des Tiberius mittels Senatsbeschlusses, für nichtig zu erklären. Der Senat willigt aus Hass auf dem verstorbenen Despoten freilich ein. Sie sind Caligula wohlgesonnen, den der schafft die gefürchteten Majestätsprozesse seines Vorgängers ab. So mancher davon betroffene Senator atmet erleichtert auf.
Den Geschädigten Tiberius Gemellus, der eigentliche Nachfolger des Kaisers entschädigt er durch eine Adoption in sein Kaiserhaus.
Eine boshafte Geste, in der einige Senatoren ein Wetterleuchten sehen.

Krankheit und Absturz


Scheinbar sind die Götter mit dem neuen Kaiser nicht einverstanden. So scheint es, als Caligula im Oktober 37 n.Chr. von einer unbekannten aber schweren Krankheit getroffen wird. Deren Folgen sollten bald einen entscheidenden Wendepunkt in seiner Herrschaft darstellen.
Caligula wird paranoid, sieht eine Vergiftung als Grund für seine Krankheit. Man hat ihm übel mitgespielt, man plane ein Komplott gegen ihn mutmaßt der mächtigste Mann seiner Zeit und zwingt Gemellus zum Selbstmord. Und was ist mit dem Senat? Wird da nicht öfter eine Stirn gerunzelt, Augenbrauen nach oben gezogen, wenn er, der Kaiser das Wort ergreift?
Er schleppt sich vor dem Senat und kündigt in einer Rede an, dass sich nun einiges unter seiner Herrschaft ändern werde.
Caligula macht seine Drohungen wahr und führt 39 n.Chr. die Majestätsprozesse des Tiberius wieder ein.
Die Freigiebigkeit, die ihn bei seinem Herrschaftsantritt so beliebt gemacht hatte schlägt nun in Geldgier um. Um den Staatshaushalt aufzubessern und seine extravaganten Bankette zu finanzieren lässt er das nötige Geld mit Gewalt eintreiben. Rom selbst und seinen vielen Provinzen wird das nötige Geld regelrecht herausgepresst.
Seinem Ego tut dies keinen Abbruch. Zeigte er sich anfangs noch bescheiden und verweigerte rituelle Opfergaben an sich, lässt er sich nun einen Tempel bauen. Jüdische Gesandte aus Judäa verlacht er, weil sie seine göttliche Natur nicht erkannt hätten. Die Extravaganz seiner Feste ist legendär: 1930 werden Archäologen die Überreste von zwei Nemi-Schiffen in den Albanerbergen freigraben. Diese Luxusschiffe dienen dem Kaiser und seinen illustren Gästen als schwimmende Villen auf dem damaligen Nemi-See.
Sein Lieblingspferd Incitatus stattet er mit Zaumzeug aus Elfenbein und einem mit Purpur gefärbten Sattel aus. Unterschreibt er Staatsakten, so setzt er als Schwurformel:
„Auf das Wohlergehen und das Vermögen von Incitatus“ darunter.
Zweifelhafte Berühmtheit erlangt auch seine Idee das diesjährige Amt des Konsuls mit seinem Gaul zu bekleiden.
Für antike Autoren wie Sueton und Cassius Dio ist spätestens jetzt klar, dass ein Wahnsinniger über das römische Reich herrscht.
Als 38 n.Chr. seine Lieblingsschwester Drusilla verstirbt, gibt er eine vergoldete Statue seiner Schwester in Auftrag und stellt sie als Göttin neben der von Augustus.
Ihr Witwer, Marcus Aemilius Lepidus wohnt dem Ganzen mit Entsetzen bei.
Diesen Affront bewilligt der Senat aus Furcht und dennoch; Caligulas Zorn und Paranoia ebben nicht ab. Daran ändern auch die Hymnen und Prozessionen, die die Senatoren täglich ihm zu Ehren ausrichten lassen nichts.

Caligula, ausgestattet mit der ultimativen Macht kennt kein Limit. So lässt er eine spektakuläre aber völlig sinnlose hölzerne Überbrückung über dem Meerbusen zwischen Baiae und Puteoli errichten. Dieser „Triumph über das Meer“ wird mit einem weiteren sündhaft teuren Bankett gefeiert.
Caligula, der Kaiser, der nichts außer teure Bankette und verängstigte Senatoren vorweisen kann bricht mit allen anfangs befolgten Herrschaftsprinzipien.

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Agrippina die Jüngere und Livilla können das Gebaren ihres Bruders nicht länger hinnehmen und verbünden sich mit Lepidus, dessen Gefühle zwischen Trauer und Ärger wechseln.
Caligula muss beseitigt werden. Die Verschwörer sichern sich militärisch Unterstützung aus Obergermanien mit den dortigen Legionen des Gnaeus Cornelius Lentulus Gaetulicus.
Wie aus dem Nichts kommt Caligula der Gedanke, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und bricht zu einem Feldzug gegen die Germanenstämme auf.
Noch im dortigen Feldlager fliegt die Verschwörung auf. Caligula sieht sich in seiner Paranoia bestätigt.
Seine beiden Schwestern verbannt er auf die weit entfernten Pontischen Inseln.
Einmal mehr sieht der Kaiser hinter jeder Ecke Dolche auf sich gerichtet, der eingeschüchterte Senat entfesselt fügsam eine Anklagewelle gegen Mitwisser in Rom.

Krieg gegen Neptun
Nachdem der Kaiser Lepidus und Gaetulicus 39 n.Chr. in Mainz hinrichten lassen hat, fährt mit seinem Germanenfeldzug fort. In Erwartung eines schnellen und vor allem ruhmreichen Sieg, der ihn als Feldherr glänzen lassen soll, stockt er die Legionen im Land der Barbaren auf.
Doch die Barbaren lassen die Legionen auflaufen. Sobald Roms mächtige Kriegsmaschinerie aufmarschiert, entschwinden ihnen die Germanen auf Nimmerwiedersehen in unwegsamen Sümpfen und den unendlichen Wäldern, die Germanien überziehen. Der Feldzug wird zur Farce, mehr als niedergebrannte Dörfer kann der Kaiser am Ende nicht vorweisen.
Caligula muss einen anderen Weg finden die nun aufgestockten Legionen zu beschäftigen, denn ohne Kriegsbeute könnte die Moral zusammenbrechen.
Er richtet seinen Blick gen Westen und soll gnadenlos scheitern.
Aus der geplanten Invasion Britanniens wird nichts. Um die Legionäre nicht tatenlos am Ärmelkanal herumlungern zu lassen, befehlt er Manöver abzuhalten, um so die Kelten auf der anderen Seite einzuschüchtern – ungeachtet der Distanz.
Unverrichteter Dinge und ohne Beute ziehen Kaiser und Legionen wieder vom Ärmelkanal ab.
Der römische Schriftsteller Sueton behauptet gar Caligula habe die endtäuschten Legionäre folgendermaßen entschädigt:

Die finsteren Blicke der Legionäre entgehen dem Kaiser nicht. Um sich zu schützen stockt er seine Prätorianerkohorten von neun auf zwölf auf. Als er auch ihnen nicht mehr über den Weg traut, schafft er sich eine Leibgarde aus dem germanischen Stamm der Bataver an. Als „Auswärtige“ seien sie nicht empfänglich für Palastrevolten. Den eigenen Landsleuten sei ja nicht zu trauen.

Der Tyrannenmord
Frustriert kehrt Caligula zurück nach Rom und deckt kaum angekommen eine weitere Verschwörung gegen ihn auf. Etliche werden verhaftet, darunter wie zur Bestätigung, einige Prätorianer. Neben den Senatoren bekommen es nun auch die Prätorianer mit der Angst. Doch die Elitekrieger lassen nicht zu das sie Caligulas berüchtigt kreativen Folterknechten in die Hände zu fallen.
Am 24. Januar 41 finden die Palantinischen Spiele statt und die Tyrannenherrschaft ihr Ende.
Mehrere Prätorianer stellen sich dem Kaiser in den Weg, umstellen ihn, dann ziehen sie die Schwerter.
Das Blut des Kaisers ist kaum getrocknet, als der Prätorianer Gratos im Palast neben an, eine zitternde Gestalt hinter einem Vorhang vorfinden.
Caligulas Onkel Tiberius Claudius Nero -kurz Claudius, weiß von der Verschwörung und hatte sich in Sicherheit gebracht. Während nebenan die Schwerter der Prätorianer auf Caligulas Frau Milona Casesonia und sein erst Monate junges Töchterchen niedergehen, hilft Gratus dem verängstigen Claudius auf.
In Erwartung mit dem verängstigten Claudius einen fügsamen Kaiser zu am Thron zu haben, wird Claudius an Ort und Stelle zum neuen Kaiser ausgerufen.

Wenig bleibt von der kurzen Herrschaft. Mann macht sich schnell daran die Erinnerung an den vom Wahn geschlagenen Kaiser zu auszulöschen. Sämtliche Amtshandlungen werden für ungültig erklärt.
Immerhin, Rom hat der Kaiser zwei neue Wasserleitungen spendiert und Mauretanien wurde in der Zwischenzeit römische Provinz. Was die Imperator-Akklamation betrifft, haben die Prätorianer von nun auch ein Wort mitzureden. Seine batavische Leibgarde, die seinen Tod nicht verhindern konnte, zeigen Loyalität über den Tod hinaus. Die „wilden Barbaren“ nehmen ihren Schwur auf dem Kaiser ernst – sei er zu Lebzeiten auch noch so ein Scheusal gewesen. Es heißt einige von den Batavern hätten versucht Caligulas Tod durch die Ermordung einiger prominenter Senatoren zu rächen.
Doch vor allem zeigte Caligulas Gebare, dass sich der Kaiser nun endgültig über dem Senat erhoben hatte, wenn auch ohne sich in den Reigen „der guten Kaiser“ einzureihen.
Caligulas Traum Britannien zu erobern, wird unter Claudius Realität, als 43 n. Chr. Römische Legionen im heutigen Kent anlegen.
Caligulas Wahn lebt als Krankheitsbild, als „Cäsarenwahn“ weiter.

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