Wein, Tanz und Verschwörungen

Im zweiten Jahrhundert vor Christus ist Italien voll von verschiedenen Kulten mit eigenen Riten, doch die Anhänger des Bacchus sorgen mit ihren dekadenten Riten nicht nur für Kopfschütteln, der Senat sieht nicht nur römische Werte, sondern bald auch die Sicherheit der aufstrebenden Stadt in Gefahr. Den nicht nur sexuelle Ausschweifungen, sondern auch Verschwörungen seien Teil der sogenannten Bacchanalien. Die beiden amtierenden Konsuln Spurius Postumius Albinus und Quintus Marcius Philippus wittern darin ihre Chance sich in den Geschichtsbüchern einen ehrenhaften Namen zu machen. In einer kalten Oktobernacht kommt es zu einen für die Antike ungewöhnlichen Gewaltstreich gegen eine religiöse Gruppierung.

Die Gerüchte sind wahr
Rom im Oktober 186 vor Christus: die ehemalige Sklavin und nun Kurtisane, Hispala Faecenia, erhebt schwere Vorwürfe. Verstört von ihren Beobachtungen in den geheimnisvollen Mysterien des Bacchus, schildert sie dem amtierenden Konsul wie die Anhänger des Weingottes sich im Geheimen berauschen, zu griechischen Hymnen singen und bis zur Ektase tanzen, um dem Gott des Rauschs näherzukommen. Peinlich genau erzählt die Kurtisane von der Unzucht, die dort getrieben werde in geheimen Räumen, im Schutze der Nacht, unbemerkt von der Öffentlichkeit. Und besonders eklatant: Frauen und Männer würden gemeinsam an den kultischen Handlungen teilnehmen. Ein Skandal!
Der Bericht bestätigt die Gerüchte die seit Jahrzehnten nicht nur in der Tiberstadt, sondern in ganz Italien kursieren. Von der südlichen Spitze bis in den Norden der italienischen Halbinsel treffen sich die Anhänger des Bacchus-Kults in Grotten, Hainen oder abgelegenen Villen um ihm im kollektiven Rausch zu huldigen.

Für die beiden amtierenden Konsuln und den Senat ein existenzbedrohender Frevel. Den wer, wo, wann und wie den Göttern huldigt bestimmen immer noch sie. Das aufstrebende Rom hat seinen Platz in der Welt immerhin nicht nur den Göttern zu verdanken. Auch die sterblichen Aristokraten müssen sich an wichtige Tugenden wie der modestia, Mäßigung und moderatio, dem Maßhalten orientieren um den Status Quo der Metropole nicht nur zu erhalten, sondern auch dessen Macht zu erweitern.
Der Bruch mit den alten Sitten der Väter und dem Stören des pax deorum (Frieden mit den Göttern) bedrohe die innere Ordnung der Republik, darin sind selbst die streitlustigsten Senatoren einig.

Eine Flut an Göttern
Wie viele Götter und Kulte, ist auch der des Bacchus vor Jahrhunderten aus der griechischen Welt importiert worden. Religion in der Antike kennt keinen einzig wahren Gott. Und so entstand ein loses Pantheon aus allen möglichen Göttern, Geister und Halbgötter die man anbeten konnte. So brachte man 205 vor Christus auch einen schwarzen Meteorstein nach Rom der der kleinasiatischen Gottheit Kybele geweiht war. Der heilige Stein wurde in eigenem Tempel auf dem Palatin gebracht, wo der „Göttermutter vom Berg“ mehrere Jahrhunderte lang gehuldigt wurde.
Der Griff nach dem heute leider nicht mehr erhaltenen faustgroßen Meteorstein kam nicht aus einer Laune heraus. Es waren zehn Männer, selbstredend Senatoren, denen es gestattet war aus den Jahrhunderte alten Büchern der Sibylle zu lesen. Diese Wahrsagerin wird auf die Königszeit der römischen Geschichte datiert und gibt in griechischen Hexametern an, was bei Gefahr zu tun sei. Damals riet das schriftgewordene Orakel „… die Göttermutter vom Berg zu holen“. Wenig später war die „Göttermutter vom Berg“ aus Kleinasien geholt und Dank ihr der damals unbezwingbare Gegner, „Der Albtraum Roms“ Hannibal bezwungen worden.

Ohne die Senatoren, die dem Staat und den Göttern huldigen, wäre die Stadt am Tiber verloren – so sehen das vor allem die beiden Konsulen, den dem Bericht der Hispala lauschen. Die Flut aus neuen Göttern und Kulten wuchs mit den römischen Eroberungen im Osten sprunghaft an. Es war üblich Gottheiten samt Inventar, also Statuen und Priestern nach Rom zu verschleppen, in der Hoffnung das ein weiteres höheres Wesen der aufstrebenden Macht nützlich sein würde. Auch vor einer Schlacht dachten und handelten römischen Feldherrn oft ähnlich pragmatisch. Sie veranstalteten eine Evocatio – dabei werden die Schutzgötter des Gegners angerufen, ihnen ein schönerer Tempel in Rom, dem Nabel der Welt verspochen, sollten sie die Seiten wechseln.
Scheinbar taten sie es, denn zum Zeitpunkt der letzten Bacchanalien hatte Rom den ganzen östlichen Mittelmeerraum erobert. Eine Welle aus reicher Beute und neuen Eindrücken ergoss sich über die römischen Aristokraten.

Tugendlose Zeiten
Mit den archaischen Tugenden geht es seither bergab. Sehr zum Missfallen der Aristokraten nimmt die Dekadenz überhand. Es werden Gesetze erlassen, die Frauen verbieten mehr Schmuckstücke als nötig zu tragen, zu elegante Kleidung sollte geächtet und geahndet werden. Kein Neureicher mehr mit einem Zweispänner durch die Straßen fahren. Eine Trennung von Staat und Religion war unbekannt und so endet jede öffentliche Opferung mit der Formel „Für das römische Volk“. Die Opfernden waren nicht nur Priester der wichtigsten Götter, sie waren auch Senatoren und Konsuln. Das Priesteramt eine der wichtigsten Stationen in der Karriere römischer Aristokraten.
Sie sind es die den römischen Staat mit ihren Tugenden und Opferungen am Laufen hielten. Das die Bacchanalien solche beängstigenden Ausmaße annehmen können sie nicht tolerieren.
Die Praktiken der Kultisten lassen den Konsul aufhorchen. Frei geborene Römer würden mit Sklaven und Angehörigen der Unterschicht um den Aventin feiern. Besonders prekär: wohlhabende Frauen aus der Oberschicht, aus den edelsten Familien Roms seien ebenso involviert. Für Luftschnapper unter den erlauchten Senatoren sorgt vor allem die Enthüllung, dass mittlerweile junge Männer und Frauen unter zwanzig Jahren in die Mysterien eingeweiht werden. Das Frauen dort als Priesterinnen Kulthandlungen vollziehen ist für die Senatoren ein weiterer Handfester Skandal.
Doch was ist so anziehend an den Bacchanalien?
Die Römer sind stolz auf ihre althergebrachten Werte, wie Mäßigung, Selbstbeherrschung und vor allem Gehorsam gegenüber Vater und Stadt.
Dem Weingott hingegen wird mit Wein, grenzenloser Sexualität, hemmungslosen Tanz und an Wahn grenzenden Ritualen gehuldigt.
Für Menschen in einer Gesellschaft, in der selbst ein Kuss zwischen Ehemann und Ehefrau vor den Kindern zum gesellschaftlichen Ausschluss führen kann, wirken die Mysterien des Bacchus wie eine Offenbarung und Erlösung zugleich.

Stich, Abbildung, gravure, engraving : 1881

Doch damit nicht genug. Den der mystische Hintergrund des Gottes wird von seinen Anhängern anscheinend revolutionär auf sie selbst umgedeutet. In einer Legende heißt es das Bacchus -griechisch Dionysos- als Knabe von den Titanen zerrissen wurde und sein Herz gegessen wurde. Göttervater Zeus habe sich dann der Sache angenommen und dessen Herz der Königstocher Selene zum Essen gegeben worauf diese Dionysos wiedergeboren habe. Der Gott der Ausschweifungen und der Erfinder des Weins war geboren. Ein auf Abbildungen harmlos wirkender Knabe mit schwarzen Locken auf dem Kopf, immer lachend und fruchtbar. Seine Feinde schlägt er in den Mythen mit Wahnsinn.
Hispala verweist auf die Praxis eines symbolischen Todes der Gläubigen, der sie aus dem Totenreich wieder hinaus unter die Lebenden bringt.
Denn die Anbetung des Gottes verspricht etwas für die griechisch-römische Antike Unerhörtes:
Ein Leben nach dem Tod.

Hispala erzählt weiter, Livius auch.
150 Jahre später wird der römische Historiker Titus Livius den haarsträubenden Bericht der Hispala Faecenia in seinem Werk Ab urbe condita („Von der Gründung der Stadt an“) aufschreiben. Darin heißt es:

„Wenn der Wein und die Nacht und das Zusammensein von Männern und Frauen, von Jugendlichen und Älteren jeden Sinn für Scham aufgehoben hatten, kam es zu ersten Ausschweifungen jeder Art, weil jeder zu dem, wozu er von Natur aus größere Lust verspürte, das Vergnügen bei der Hand hatte. Und es blieb nicht bei der wahllosen Unzucht mit Freigeborenen und Frauen, sondern auch falsche Zeugen, falsche Siegel, Testamente und Aussagen gingen aus derselben Werkstatt hervor, von dort auch Gifte und heimliche Mordtaten, wobei zuweilen nicht einmal Leichen zum Begräbnis vorhanden waren.“

Die Konsuln sind entsetzt als Hispala von Anwerbern erzählt die dort einem Priester wie ein Opferstier übergeben werden. Es werde geheult, mehrstimmig gesungen und mit dem wilden Schlagen auf Zimbeln und Trommeln um die Schreie des Anwerbers nicht zu hören, während dieser gewaltsam geschändet werde. Unzucht kenne keine Grenzen und davon gebe es von Männern untereinander mehr als unter Frauen. Zeige jemand zu wenig Bereitschaft für Unzucht aller Art, würde die Person kurzerhand getötet.
Menschenopfer sind im alten Rom äußerst selten und wurden von der Obrigkeit nur selten angeordnet. Viel größer ist die Angst vor einem Staat im Staat, da die Anhänger des Bacchus bestens organisiert sind.

Es darf bezweifelt werden was davon alles stimmt. Livius schreibt seinen Bericht um zu entsetzen und antike Geschichtsbücher sind alles andere als nüchtern geschrieben. Livius verweist in seiner Schrift auch auf die korrupte Komponente der Bacchanten und werden von den staatlichen Behörden nun im Jahre 186 vor Christus auch als Coniuratio – kriminelle Vereinigung wahrgenommen. Wahrscheinlich ist auch, dass einige der wildesten Gerüchte von den Senatoren selbst gesät wurden um ihr hartes Vorgehen in einer Gesellschaft, die eigentlich tolerant in religiösen Angelegenheiten ist, zu rechtfertigen.
Hinzukommt dass in jenem Jahr kein Feldzug ansteht. Ärgerlich für die diesjährigen Konsuln, denn um sich zu profilieren, ihre dignitas (Ehre) zu mehren braucht es traditionell einen vernichtenden Schlag gegen äußere wie innere Feinde.
Die Kultisten als frevelhafter und staatsfeindlicher Haufen bieten in der archaischen Kultur der Römer ein willkommenes Ziel.

Die Senatoren sehen in weiblichen Priestern, dem Weingott versessene Männer, die in Orgien verweichlicht werden würden, Anhänger die dank Eid auf den Bacchus bestens organsiert und der römischen Staatsreligion damit trotzen ein Zeichen von Schwäche und Zerfall. Etwas auf das die zahlreichen erniedrigten Feinde der mächtigen Tiberstadt geradezu warten würden.

Böses Erwachen
Am 7. Oktober 186 vor Christus wird der Beschluss in Bronze gegossen und in Italien publik gemacht. Darin heißt es dass, kein römischer Bürger und kein Bundesgenosse mehr an Bacchanalien teilnehmen dürfe – es sei den mit Erlaubnis des Senats. Und dass nur unter bestimmten Regeln die das wilde Treiben unterbinden.
Panik macht sich unter den Anhänger breit und treibt viele zur Flucht. Doch der Senat hat vorgesorgt. Vor den Stadttoren patrouillieren Wachen, nehmen jeden fest der zu fliehen versucht. Belohnungen für Hinweise an Mitglieder des Kultes werden ausgesprochen. Selbsternannte Priester werden unter Gewahrsam gebracht.
Nicht wenige nehmen sich das Leben. Angesehene Patrizier werden neben leeren Giftfläschchen oder mit geöffneten Pulsadern tot in ihren Villen aufgefunden.
Wem die Flucht gelingt wird gnadenlos gejagt um später in Schauprozessen zum Tode verurteilt zu werden. Schnell wird klar wie weit der lange Arm des römischen Senats reicht.
Livius berichtet von 7000 Menschen die bislang unerkannt in den Riten eingeweiht gewesen sollen. Den Großteil davon lässt man hinrichten.
Männer werden im Kerker erdrosselt und Frauen ihren Familien übergeben, damit im Sinne der „Sitten der Väter“ die Familie selbst das Urteil vollstrecken kann.

Epilog
Hispala erhält danach 100 000 Asse aus der Staatskasse, da durch sie und ihrem Mann die Mysterienfeiern aufgedeckt werden. Darüber hinaus zeigen sich die Konsuln weiter dankbar und sichern der freigelassenen Sklavin sehr weitgehende Rechte zu.
Nun darf sie ihren Vormund selbst bestimmen und einen Freigeborenen heiraten.


In den nächsten Jahren wird das römische Reich weiter wachsen. Der Erzfeind Karthago völlig vernichtet und die hellenistischen Königreiche im Osten erobert werden und damit eine Flut aus neuen Eindrücken und von den Senatoren verhassten exotischen Luxus wird Italien überschwemmen.
Der Bacchuskult wird weiterleben.
Das beweisen die vielen Dionysosfriesen in römischen Ausgrabungen. Darunter eines das zu Lebzweiten von Gaius Julius Cäsar in der Villa die Misteri in Pompeij geschaffen wurde. Darin werden die wichtigen Rituale des Kultes aufgeboten: das Verlesen heiliger Texte, Verwendung von Wein, von Masken und Musikinstrumenten, der Tanz, die Verschleierung und das Zufügen und das Durchstehen von Schmerzen um ihren Gott näher zu kommen.

Der Gott der Ekstase überdauert Weltreiche und Jahrhunderte; Diego Velázquez/“Die Trinker (Der Triumph des Bacchus)“ /Öl auf Leinwand/1629.

Das Glauben an ein Leben nach dem Tod, steht im harten Kontrast zur römischen Religion und dürfte wohl auch bei Themen wie Todesstrafe und Sklaverei den damaligen Denkhorizont überschritten haben. Antike Religionen, wie die römische Staatsreligion sind für sein Leben im Diesseits ausgerichtet. Auf die Frage was nach dem Tod komme hat sie nur ein mögliches Szenario parat: Als Schatten in der Unterwelt herum zu irren.
Auf die Bacchanalien sollten noch weitere, aus dem Osten importierte Mysterien ihren Weg in die römische Welt finden, die die Legionen nach und nach erobern. Darunter auch ein weiterer Gott, der seine Huldigung mit einem Leben nach dem Tod belohnt und in seinen Mysterien, im Gegensatz zur Konkurrenz auch das Beisein beider Geschlechter duldet: Das frühe Christentum.

Hinterlasse einen Kommentar