Todeschlinge um Großbritannien: Dönitz U-Boot-Rudel auf der Jagd

Nicht ohne Grund unterhält Großbritannien am Vorabend des zweiten Weltkriegs die größte Handelsflotte der Welt. 160 000 Mann versorgen auf 3000 Seeschiffen und 1000 großen Küstenschiffen Großbritannien mit wichtigen Rohstoffen, wie Nichteisenmetall und Erdöl. Auch die Hälfte der Lebensmittel gelangt mit Schiffen über den Atlantik. Ein heikler Punkt, ohne die Einfuhr von nordamerikanischen Weizen würde die britische Bevölkerung binnen weniger Monate um die Hälfte schrumpfen. 1939 sind 55 Millionen Tonnen an überseeischen Einfuhren notwendig, um der Bevölkerung das gewohnte Leben zu bieten.
Das überbevölkerte Großbritannien hängt an einer maritimen Nabelschnur.
Bei Ausbruch des zweiten Weltkriegs, macht sich die deutsche Marine daran diese lebenswichtige Nabelschnur zu kappen.

Kreuzer, Minen und die Luftwaffe
Die Schlinge beginnt sich wie schon 1914, während des ersten Weltkriegs in Form von Übersee-Handelsstörern um die britischen Inseln zu legen. Dabei greift die deutsche Admiralität auf umgebauten Handelsschiffen und herkömmlichen Kriegsschiffen zurück. Ihre Zahl ist überschaubar und beginnt zu schrumpfen. Der Hilfskreuzer Atlantis versenkt 22 Transportschiffe der Briten, ehe im November 1941 die HMS Devonshire ihn zum Gefecht stellt und versenkt. Dem schweren Kreuzer Admiral Graf Spee ereilte schon 1939 vor Montevideo das gleiche Schicksal.
Am runden Tisch der Admiralität ist man sich einig: Die großen Kampfschiffe, Stolz der Nationalsozialisten, sind zu wertvoll um sie leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Bald schon jagen schnelle deutsche Küstenschiffe, von den Briten E-Boats genannt durch die Nordsee und legen Seeminen in den Küstengebieten. Von 1941 bis 1944 bilden diese eine ständige Gefahr für Küstengeleitzüge der Briten.
Auch die deutsche Luftwaffe schlägt zu. Im Mai 1941 versenken deutsche Flugzeuge Schiffe mit insgesamt einer Ladung von 150 000 BRT (Bruttoregistertonnen).
Doch kein anderer Waffentyp sollte in der angebrochenen „Schlacht im Atlantik“ mehr für Schrecken sorgen als die deutschen U-Boote.

Im Inneren der U995

Dönitz Z-Plan
Den ersten Weltkrieg hat Karl Dönitz selbst als damaliger U-Boot-Kommandant erlebt. Er weiß um die Stärken und Schwächen der U-Boote. Anfang Oktober 1939 wird er zum Konteradmiral ernannt. Der in der Vorkriegszeit ersonnene Z-Plan wird ins Auge gefasst. Der Plan sieht den Bau von 300 Einheiten vor, eine Zahl, die reichen würde um Britannien von seiner Versorgung von See zu isolieren. Davon sollen 140 Boote ständig im Einsatz sein. Dönitz rechnet weiter vor, dass diese Anzahl 7 Millionen BRT (Bruttoregistertonne) versenken könnten – mehr als das fünffache, welche die Briten ersetzen könnten.
Anfangs stehen ihm lediglich 57 Unterseeboote zur Verfügung. 30 für die Küstengewässer und 27 für die Hochsee.

Hungrige Rudel und ihre Beute
Dönitz beginnt die Taktik seiner Uboote zu optimieren. Die Unterseeboote werden in „Rudeln“ zusammengefasst. Dabei werden sie in langen Reihen an der Wasseroberfläche angeordnet, was sie schneller macht als die Handelsschiffe. Wie Walfänger erhalten die Rudel von Land aus den Funkbefehl, dabei helfen natürlich auch abgefangene Befehle der britischen Marine durch den deutschen B-Dienstes (Funkbeobachtungsdienstes). Dagegen haben die Geleitzüge von 1940 bis Mitte 1943 kaum eine Chance. Oft stehen den Flotten nur zwei oder drei Zerstörer zur Seite, diese sind mit meist rund 40 zu bewachenden Transporten heillos überfordert. Oft genug müssen ihre Besatzungen tatenlos zusehen wie ein Transporter nach dem nächsten in der stürmischen, kalten See mitsamt der Mannschaft untergeht. Ihre Sonargeräte reichen nicht weiter als eine halbe Seemeile und bis 1944 liefern sie nur Entfernung und Kurs aber nicht die Tiefe ihrer Verfolger. Mann wehrt sich mit Wasserbomben, stellt deren Tiefenmesser aufs Geratewohl ein. Meist jedoch greifen die Rudel bei Nacht an. Die Frachter sind wehrlose Schafe mitten im Jagdrevier der Wölfe.
Der Uboot Krieg im Atlantik erweist sich immer mehr als Erfolg, auch wenn die deutsche Marine im Ende Mai 1941 die Bismarck – das Prestigeobjekt der Nationalsozialisten verliert.
Eine Schlappe welche die Rudel mehr als wettmachten durch die Versenkung von 328 Handelsschiffen mit insgesamt 1,5 Millionen BRT an Bord. Wichtige Güter für die britische Insel wie Weizen, Rindfleisch, Butter, Kupfer, Sprengstoff, Erdöl und militärische Ausrüstung sinken auf den Boden des Atlantiks.
Die Kapitäne der Uboote wurden zum maritimen Äquivalent der Piloten aus dem ersten Weltkrieg. Den Nazis, gelten sie als Übermenschen aufgrund ihrer Opferbereitschaft und ihrer Grausamkeit. Sogar von ihren Feinden erhalten sie für ihre soldatischen Tugenden Achtung. Der Krieg der Uboote wird in Göbbels Propaganda zum beliebtesten Beispiel eines totalen Krieges.

„Das einzige was ich wirklich fürchtete, war die U-Boot-Gefahr … sie manifestierte sich nicht in heroischen Schlachten, sondern in Gestalt von Statistiken, Diagrammen und Kurven, die der Nation unbekannt und der Öffentlich unverständlich waren.“
Winston Churchill nach Ende des Weltkriegs über die Schlacht um den Atlantik

Neugemischte Karten
Das britische Schlachtschiff Royal Oak hat schon einiges gesehen, auch die einzige große Seeschlacht des ersten Weltkrieges im Skagerrak. Im Oktober 1939 wird das ehrwürdige Schiff bei Scapa Flow, Hauptstützpunkt der Royal Navy von einem Torpedo der U-47 getroffen und sinkt. In den 1970er werden Taucher ihre Schiffsglocke bergen.
Es ist einer der ersten großen Erfolge der deutschen Uboote und bald schon sollten sie nicht nur über den Norden Schottlands in britische Küstengewässer für Schrecken sorgen.
Im Juni 1940 fallen der Wehrmacht die französischen Atlantikhäfen in die Hände. Vorrausschauend hatte Adolf Hitler den Befehl gegeben sie 1941 bombensicher zu machen.
Brest, St. Nazaire, La Rochelle und Lorient sind nun das Tor in den Atlantik. Von diesen Stützpunkten aus machen sich immer mehr neugebaute Uboote auf den Weg den britischen Seehandel über den Atlantik und die Kap-Route nach West- und Südafrika zu terrorisieren.
Englands lebenswichtige Nabelschnur liegt nur in direkter Reichweite, gezielt und regelmäßig machen sich die Besatzungen daran sie zu kappen.
Schiffe beladen mit nigerianischem Erdöl und südafrikanischen Nichteisenerz sinken in erschreckender Zahl auf den Meeresboden, ebenso Transportschiffe mit Fleisch aus Argentinien und Getreide aus den USA.
Mit neuen Stationierungsmöglichkeiten können die U-Boote den Alliierten, besonders den britischen Kriegsanstrengungen schwere materielle und psychische Schäden zufüge

Hilfe für Stalin
Mit Beginn der Operation Barbarossa sieht sich Stalin Ende Juni 1941 gezwungen seine Kriegsindustrie vor der rasant vorrückenden Wehrmacht weiter östlich zu verschieben. Das Jagdrevier der Rudel breitet sich nun bis in arktische Gewässer aus, den Großbritannien exportiert im Rahmen des Pacht- und Leihabkommens Rüstungsgüter zusammen mit den USA an die Sowjetunion. Darunter liefern die Briten 5000 Panzer, 7000 Flugzeuge und 114 000 Tonnen Gummi. Aufgrund Dönitz Uboot Krieg können diese Transporter die Sowjetunion nur auf umständliche Wege erreichen. Über die „Nordrusslandstrecke“ von England nach Murmansk und Archangelsk. Deutsche Uboote drängen die Transporte bis in die Nähe Grönlands im Westen und bis nach Spitzbergen im Norden.
Ohne die „Nordrusslandstrecke“ auf der auch die USA auf den ersten Blick banale Güter wie Stiefel, Lastwägen und weitere Rüstungsgüter exportierte wäre die rote Armee 1944 schon in Westrussland zum Stehen gekommen, konstatiert der britische Historiker John Keegan.

Deutsche Uboote an der amerikanischen Küste
Die USA gelten lange als „feindseligen Neutralen“ die den Geleitszügen wertvolle Unterstützung leistet. Im Dezember 1941 dringen deutsche U-Boote sogar bis zur amerikanischen Atlantikküste und in den Golf von Mexico vor. Seit Jänner 1942 operieren ganze 12 Uboote gleichzeitig an der amerikanischen Ostküste und im Golf von Mexiko. Als dort die Geleitzüge eingeführt wurden, gehen die Verluste der Alliierten sofort zurück.
Innerhalb von einigen Monaten, die von der Admiralität als „Glückliche Zeit“ bezeichnet werden, versenkten deutsche Unterseeboote Hunderttausende BRT in diesen Gewässern. Die US-Navy ist zu dieser Zeit außerstande dort Geleitzüge zu organisieren.
Mitte 1942, verheißen „Statistiken, Diagramme und Kurven“ nichts Gutes, niemand, weder in Berlin, London oder Washington kann wirklich sagen wie der Krieg im Atlantik ausgehen würde.

Eine Frage der Kapazitäten
Requirierung und Charterung ausländischer Schiffe erhöhen die britische Handelsflotte um weitere 7 Millionen BRT. Weiters erhöhen die amerikanischen Werften ihre Kapazitäten durch ein Notprogramm. Zusammen mit der britischen Eigenleistung verspreche dies für 1943 eine Produktion von 1500 Schiffen – mehr als dreimal so viel wie deutsche Unterseeboote versenken könnten.
Die Zahl der neu vom Stapel gelassenen Schiffe stieg in den amerikanischen Werften. Der Bau des Standardtankers T 10 und des Standardfrachters Liberty geht schnell von Statten. 3 Monate Bauzeit, dann sind die Standardfrachter einsatzbereit. Im Oktober 1942 laufen aus den amerikanischen Werften täglich drei Liberty-Schiffe vom Stapel.
Bald wird Dönitz klar, dass er und seine Uboote vor einer unlösbaren Aufgabe standen, vor allem als im November der Transporter Robert E. Peary auf Kiel gelegt und binnen unglaublichen vier Tagen und 15 Stunden fertiggestellt war.
Die Fertigteilbauweise der Alliierten macht die Bemühungen der deutschen Marine zunichte.

Erfolgreiche Gegenmaßnahmen
200 Begleitschiffe können die USA der Versorgungsflotte jährlich zwischen 1941 und 1945 zur Verfügung stellen. 500 Begleitschiffe stoßen während dieser Zeit zur Sicherungsflotte der Royal Navy im Nordatlantik.
Das Air Gap, die Luftlücke in der die U-Boote gefahrlos über Wasser operieren können (tauchend sind Uboote viel langsamer), engen die zu immer längeren Strecken fähigen Bomber immer weiter ein. Der industrielle Vorteil der USA verkleinern die Jagdgründe der Rudel. So ost der B-24 Bomber, auch Liberator genannt, in der Lage sich 18 Stunden in der Luft zu halten. 1942 erhält der Liberator den neuen hochleistungsfähigen Leigh-Suchscheinwerfer – nun können die Rudel auch nicht mehr im Schutz der Nacht auf die Jagd gehen.
Doch auch den britischen Kryptologen im Blechtley-Park gelingt es immer öfter den Funkverkehr zwischen Rudeln und ihren Landbasen schnell zu entziffern um die Geleitzüge schnell um zu leiten.
Die deutsche Admiralität verschlüsselt ihre Nachrichten lange mit der legendären Chiffriermaschine Enigma – erst im Dezember 1942 gelingt es den Briten ihre Verschlüsselung zu knacken.
Der Todesstoß für Dönitz Rudel.

Vom Jäger zum Gejagten
Im Dezember 1943 versenkten die Briten die Scharnhorst, die letzte Bedrohung der arktischen Route in Form eines Schlachtschiffes. Die Tirpitz eines der größten Schlachtschiffe sinkt im November 1944 in Tromsö-Fjord.
Dönitz der versucht seine Uboote möglichst mobil zu halten und ihren Aktionsradius zu vergrößern setzt sogenannte „Milchkühe“ U-tanker auf See, die die Uboote mit Treibstoff versorgen sollen. Es blieb bei einem Versuch.
Womöglich kriegsentscheidend wären die mit einem Schnorchel ausgerüsteten Uboote gewesen, erst 1944 wurde dieser eingeführt. Diese Vorrichtung hätte es dem Boot erlaubt bei der Unterwasserfahrt die Batterien aufzuladen, die Gefahr aus der Luft wäre damit gebannt gewesen, da es dem Uboot erlaubt wäre den ganzen Kampfeinsatz über unter Wasser zu operieren. Fatal wäre die falsche Handhabung gewesen, da sonst der Erstickungstod drohte. Bei eiligen Tests um das Blatt noch zu wenden, kommen so zwei Besatzungen um. Wären die Basen an der französischen Küste nicht in allliierte Hände gefallen, hätten diese mit Schnorchel ausgestatteten Uboote die ganze Bedrohung dieses Waffentyps weiterhin innegehabt.
Der Sieg scheint noch 1943 zum Greifen nah, als 120 Uboote trotz schlechtem Wetter im Nordatlantik 300 000 BRT versenken.
Die Rudeltaktik unterstützt von den Erfolgen des B-Dienstes beim Orten der Geleitzüge scheint alle Gegenmaßnahmen der Alliierten zu zerschlagen.
Doch am Ende entscheiden die Kapazitäten. Im Oktober 1943 haben die Neubauten die Verluste seit 1939 wieder wettgemacht. Die Verluste der deutschen Uboote hingegen steigen. Die Ausweichmanöver der Geleitzüge werden erfolgreicher, weil sie rechtzeitig gewarnt werden. Auch die Bildung von Support Groups schützte die Transporter erfolgreicher. Auch zwei Flugzeugträger mit 20 U-Jagdflugzeugen an Bord zwingen die Uboote immer wieder unterzutauchen. Verbessertes Radar und Wasserbombenwerfer wie Hedgehog und Squid, eine steigende Zahl an Langstrecken-Aufklärflugzeugen erschwert die Jagd zusätzlich.
Immer mehr wird klar wer hier nun Jäger und wer Beute im Atlantik ist.
Im Mai 1943 gehen 43 Uboote verloren, auch wegen der verstärkt eingesetzten Bomber – die Flotte wird von Dönitz aus dem Atlantik zurückgeholt.
„Wir waren in der Atlantikschlacht unterlegen“ räumt er später in seinen Erinnerungen ein.
Im Zeitraum der Atlantikschlacht von 1939 bis 1943 verlieren die 830 Uboote 696 Einheiten, von 40 900 Mann Besatzung finden 25 870 den Tod. Weitere 5000 die mit Glück aus den Ubooten entkommen können gehen in Gefangenschaft. Insgesamt wird eine Verlustrate von 63 Prozent angegeben, damit hat die deutsche Uboot-Flotte von allen Teilstreitkräften die höchsten Verluste zu beklagen.
Doch die Kriegsanstrengungen der Briten waren durch den Uboot Krieg stark geschädigt und die schwellende Krise in England gestiegen. England bewegte sich diese Zeit über am Rand des Existenzminimums da die Uboote große Teile der Lebensmittelimporte vernichteten.
Von 1939 bis 1943 verloren die Alliierten 2452 Handelsschiffe mit 13 Millionen BRT dazu 175 Kriegsschiffe – dazu zählten auch polnische, belgische, norwegische. Die 30 000 Männer der britischen Handelsmarine, die zwischen 1939 und 1945 den Ubooten zum Opfer fielen, standen als einfache Seeleute zwischen der deutschen Wehrmacht und der Weltherrschaft der Nationalsozialisten.
Dönitz selbst war für Hitler unter allen militärischen Untergebenen der Nützlichste. In den letzten Tagen des dritten Reichs, ernannte der Führer seinen Admiral zum direkten Nachfolger.

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