Quid pro quo: Die Shang-Dynastie und der Handel mit ihren Ahnen

Im 15. Jahrhundert vor Christus tritt die Shang-Dynastie aus dem Schatten der frühen Bronzezeit des alten Chinas. Fruchtbarer Boden, ein mildes Klima und ein weitreichender Handel ermöglichen den Sprung zur Hochkultur. Eine archaische Kultur, die ihren Göttern Menschen opfert und mit ihren Ahnen um deren Segen feilscht.

Das Reich der Shang
Viermal hatten der Legende nach die Shang bereits ihre Hauptstadt verlegt. Als einer ihrer Könige den Norden der heutigen Provinz Henan mit seinem furchtbaren Lössboden, der durch den Fluss Huan bewässert wird, eingebettet in sanftem Flachland, vor sich sieht, wird die Hauptstadt zum vierten und letzten Mal verlegt.
Im 15. Jahrhundert vor Christus schützen die Shang ihre 470 Hektar große Hauptstadt mit einer gewaltigen Wehrmauer. Draußen vor dem Mauern, erlaubt das fruchtbare Land Hirse und Reis mehrmals im Jahr zu ernten.
Die Dynastie der Shang ist erst die zweite Dynastie im alten China und schon ein mächtiges Reich das sich vom Ostchinesischen Meer bis zur Westgrenze der Shaanxi-Provinz, im Süden bis an den Jangtsekiang und schließlich im Norden bis in die heutige Liaoning-Provinz erstreckt.

Der Zufallsfund von 1899
Kaiserliche Universität Beijing, dreitausend Jahre und zwölf Dynastien später: Die Malaria hat den Paläograph Wang Yirong ans Bett gefesselt. Der Paläograph weiß sich zu helfen und lässt sich sogenannte „Drachenknochen“ kommen. „Drachenknochen“ werden im China des 19. Jahrhunderts als traditionelle Medizin verkauft. Dabei handelt es sich um alte Tierknochen, nicht wenige dabei bereits versteinert, die in einem Mörser zerstoßen werden. Als ein Apotheker sich daran macht die Knochen zu pulverisieren, entdeckt er und sein Freund Liu E Einritzungen auf den Knochen.
Auch ohne Drachenknochen wird Wang später wieder gesund und macht sich prompt daran mit seinem Freund Liu E, sämtliche Apotheken aufzusuchen und so viele Drachenknochen wie möglich zu kaufen und somit zu retten. Liu, der sich mit Funden aus der Frühzeit Chinas beschäftigt ist sich der Bedeutung der Drachenknochen bewusst. In den Jahren 1912 bis 1916 gibt er eine fundierte Abhandlung in drei Bänden heraus Die Forscher verfolgen die Lieferkette der Drachenknochen zurück bis zum Ursprung und stoßen dabei im Dorf Xiaotum bei Anyang auf Bauern, die die Knochen regelmäßig beim Pflügen ausgraben und sie Kübelweise an Apotheker verkaufen. 1928 beginnt man mit der systematischen Ausgrabung und damit mit dem ersten Großprojekt chinesischer Archäologie.

Die Erkenntnisse aus den unzähligen gefundenen Drachenknochen sind atemberaubend: Die beschriebenen Knochen wurden im Rahmen eines Orakels erhitzt um aus den entstehenden Rissen Prognosen abzuleiten. Die Kultur der Shang nahm es damit sehr genau. So verraten die Inschriften sämtliche Daten zur Orakelbefragung, wie die Namen der Beteiligten, die Frage selbst, manchmal auch die Antwort darauf. Doch nicht nur Protokolle finden sich auf den „Orakelknochen“, auch die Namen der Könige aus der Dynastie der Shang werden genannt. Darunter so manche Herrscher deren Existenz im 20. Jahrhundert noch als zweifelhaft galt.
Darüber hinaus tauchen bei den Grabungen, riesige Grabanlagen mit Streitwägen und hunderten prachtvollen Bronzegegenständen auf. Innerhalb der Fundamente von Palastanlagen werden kostbare Schnitzereien, Elfenbein und Jade vom Staub der Jahrhunderte befreit. Auch Zeugnisse eines weitreichenden Handels, typisch für Hochkulturen, werden gefunden. Schildkrötenpanzer aus dem Land der Yangzi und Jade aus dem viertausend Kilometer entfernten Khotan – im heutigen Ostturkestan.
Alles im Inneren einer gewaltigen Stadtmauer, deren Überreste wenig später ebenfalls freigelegt werden.

Handel mit den Ahnen
König Wu Ding sucht die Hilfe seiner Ahnen auf als er sich daran macht das Volk der Tufang anzugreifen. Wu Ding will sich absichern, den die Tufang sind geübte Krieger. Eine Niederlage würde ihn womöglich Kopf und Ehre kosten.
Nachdem er dem Orakel Fleisch, Blut, Getreide oder ein bierähnliches Gebräu aus Hirse geopfert hat, tanzt das Medium zum Klang von Glocken in Trance um Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen.
Der König harrt der Antwort und erst als er Ahnen und Götter mehrere Menschenopfer verspricht, erhält er den vielversprechenden Orakelspruch, auf einem Orakelknochen verewigt:

„Der König bietet 5000 Mann auf um die Tufang anzugreifen -er wird Unterstützung erhalten“

Wu Ding hat sich die Hilfe seiner Ahnen nicht erbeten, sondern erkauft. In den Zeremonien, in denen Wu Ding laut Aufzeichnungen sonst mehr als tausend Mal fragt ob es regnen wird, geht es nicht um moralische Werte oder Anbetung – sondern um ganz praktische Dinge.
Der Umgang mit den Ahnen, unabhängig ob kürzlich verstorbenes Familienmitglied, entfernter Verwandter oder Jahrhunderte zurückliegende Urmütter, der Umgang mit den Ahnen ist geschäftlicher Natur.
Die Feilscherei mit Ahnen und Göttern rückt die Shang in die Nähe der Magie. Hierbei geht es um Beeinflussung höherer Wesen zu eigenen Zwecken.
Die Shang lassen sich dabei nicht lumpen, wie den entdeckten Orakelknochen zu entnehmen ist:

„Für diesen Exorzismus opfern wir Vater Yi drei Rinder und versprechen nach Erfüllung 30 Kriegsgefangene und 30 Schafe zu opfern“

Was die Menschen erwartet, wenn sie ihren Ahnen zu wenig bieten zeigt auch diese Inschrift:

„Die Dame Hao wird gebären – es wird vielleicht nicht gut. Einen Monat später gebar sie und es war nicht gut: es war ein Mädchen“

Auch die Naturmächte der Shang Wind, Regen, Donner, Wind, Sonne, die vier Himmelrichtungen sind zusammen mit den Ahnen der Shang keine transzendenten Götter, sondern Teil der Menschenwelt. Um sie zum Eingreifen zu bringen lässt sich ganz weltlich mit ihnen verhandeln. Religion ist bei den Shang kein eigenständiger Teil der Gesellschaft, sie sind allgegenwärtig. Wer die nötigen Mittel hat, bietet seinen Ahnen ein makabres aber wertvolles Geschenk: Menschenopfer.

Menschen in der Vorratskammer
Menschenopfer halten die Shang im Vorrat. Ausgrabungen belegen, dass die Shang tausende Kriegsgefangene in Verließen bereit hielten um mit deren Blut die Gunst der Ahnen zu erkaufen. Sie werden nur mit dem nötigsten versorgt um sie lange genug am Leben zu erhalten.
Nicht nur als Präsent für die eigenen Ahnen greifen die Shang auf den menschlichen Vorrat zurück. Auch im Jenseits sollte es an Sklaven nicht mangeln.
So fand man im Grab der Dame Hao allein sechzehn Opfer.
Das Mensch-Sein sprechen die Shang ihren Kriegsgefangen – zum Beispiel dem Volk der Qiang aus dem Westen- kurzerhand ab. Denn während der Kommunikation mit dem fremden Volk an sprachlichen Barrieren scheitert, lässt sich mit den verstorbenen Ahnen, dank der Orakelknochen sogar verhandeln. Die Ahnen stehen an der Spitze der Gesellschaft und deren Grenzen werden durch die Zugehörigkeit zum Clan definiert.
„An diesen verwandtschaftlichen Trennlinien, die zugleich Grenzen sprachlicher Verständigungsmöglichkeiten gewesen sein dürften, endeten Menschlichkeit und Moral der Shang.“ Schreibt der Kai Vogelsang, Professor für Sinologie, in seinem Buch „Geschichte Chinas“

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