Mit Peitschen gegen den schwarzen Tod

Selbstkasteiung bis zum jüngsten Tag

Jüdische Bürger stellen im Hochmittelalter Ärzte, Gelehrte und Finanziers. Als zwischen 1346 und 1350 der schwarze Tod in Europa Einzug hält, entladen sich Hass und Schuldzuweisungen über sie. Fanatische Bewegungen wie jene der „Flagellanten“- die Geißler sind neben den berühmt gewordenen „Pestdoktor“ ein weiterer bizarrer Versuch den Zorn Gottes zu besänftigen. Bald ziehen die blutüberströmten Geißler durch die Städte Mitteleuropas und beginnen jüdische Gemeinden regelrecht auszulöschen.

Ein finsterer Schatten liegt über Europa im Jahre des Herrn 1348. Nackt bis auf den Gürtel, ziehen die Geißler in Zweierreihen durch die Stadt. Immer wieder geißeln sie sich mit Lederpeitschen an deren Enden Metallspitzen befestigt sind. Sie bewegen und geißeln sich im Rhythmus, strecken die Arme in den Himmel während sie singen, ja schreien laut zu Christus und der heiligen Jungfrau um Gnade und Vergebung der Sünden – nicht nur der ihren, sondern alle die die Menschheit seit jeher begangen habe.
Die Rücken der halbnackten Männer sind mit Striemen überzogen, sie ziehen eine regelrechte Blutspur durch die Gassen. Ehrfürchtige Bürger bekreuzigen sich, wischen mit Lappen das Blut auf dem Pflaster auf und werden es als Reliquie aufbewahren um dem nahenden Unheil zu entgehen.
Jedes Mittel und jeder göttliche Beistand ist willkommen und das einzige – so glaubt man- Mittel gegen den „Schwarzen Tod“ der Europa zwischen 1346 und 1350 heimsucht.
Ihre Ankunft in der kleinen Stadt im Herzogtum Steiermark kann kein Zufall sein, glauben die Stadtbewohner, die nun die Gassen verstopfen und gebannt dem schaurigen Schauspiel beiwohnen. Erst vor kurzen hatte ein Unwetter die örtlichen Wein- und Getreideernten vernichtet.
Eine weitere Plage, ein weiteres Omen, das der Tag des jüngsten Gerichts nicht mehr weit sein kann. Die Menschen der Stadt sind sich sicher – Gott lässt sie für die Verkommenheit und Verbrechen der Menschheit bezahlen.
Verdächtig lange hat die Pest die kleine Stadt geschont, während sich anderswo bereits die Pestleichen stapeln. Es ist Zeit Buße zu tun und nie hat dies jemand inbrünstiger getan als der wehklagende Zug der zerschundenen Geißler.
Schmerzverzehrte Gesichter, Haut die in Fetzen hängt, demütiges Wehklagen.
Ein heiliges und für viele längst überfälliges Opfer das erbracht werden muss. Die Flagellanten ziehen die Menschen in ihren Bann – und auf ihre Seite.
Die anfangs erschreckten Stadtbewohner stimmen in das allgemeine Wehklagen und den aufrüttelnden Gesängen ein. Nicht wenige von ihnen werden ehrfürchtige Anhänger.
Das Phänomen der sogenannten „Flagellanten“ breitet sich nach seiner ersten Darbietung 1348 über ganz Europa aus. Und schon bald sollte es nicht nur ihr Blut sein das in den vor Angst erstarrten Städten des hochmittelalterlichen Europas vergossen werden wird.

„Sie hatten Hütte auf, auf denen rote Kreuze befestigt waren und jeder trug Geißeln, die an ihm herunterhingen, und sie sangen ihr Lied:
„Diese Bittfahrt ist so erhaben. Christus ging selbst nach Jerusalem und trug sein Kreuz in der Hand. Nun helfe uns der Heiland …“
Sie hatten zwei oder drei Vorsänger, denen sie antworteten. Und kamen sie in Kirchen, verschlossen sie diese, legten ihre Gewänder bis auf das Unterkleid ab, so daß sie von den Lenden bis zu den Knöcheln nur noch Leinen trugen. Während der Prozession umschritten sie in Zweierreihen Kirche und Kirchhof und sangen. Und jeder Teilnehmer schlug sich mit seinen Geißeln hoch bis zu den Achseln, sodass das Blut über die Knöcheln floss. Und man trug Kreuze, Kerzen und Fahnen voraus, und sie sangen während der Prozession:
„Trete her, wer büßen will. So entkommen wir der heißen Hölle. Lucifer ist ein böser Geselle. Wen er greifen kann, den stürzt er ins Elend“

Eintrag in der Limburger Chronik

Neu ist die Selbstgeißelung als Form der Buße nicht. Aber nach Ansicht vieler die effektivste um Gott dazu zu bringen Sünden zu vergeben. Die Bewegung der Flagellanten entsteht im 13. Jahrhundert südlich und nördlich der Alpen. Im kollektiven Selbstgeißeln wollen sie Reue ausdrücken und nicht nur ihre – sondern die Sünden aller Menschen sühnen.
Selbst sehen sie sich als Erlöser für die Missetaten der Menschen indem sie sich bis zur Besinnungslosigkeit auspeitschen. Gottesfürchtigkeit sehen die Kirchenoberhäupter gern. Als aber die Flagellanten im selben Jahrhundert unter dem Verdacht der Häresie geraten und zunehmende Kritik an der geistlichen und weltlichen Hierarchie üben, kommt es zu Restriktionen und Verfolgungen durch die Kirche.
Die antiklerikale Bewegung der Flagellanten verschwindet gänzlich. Mit der Ausbreitung der großen Pest erlebt sie dann ihre Wiederbelebung und zugleich Höhepunkt. In seiner 1355 erschienen Weltchronik beschreibt der Dominikaner Heinrich von Herford die Praxis der Flagellanten:

„Jede Geißel war eine Art Stock, von welchem drei Stränge mit großen Knoten vorne herabhingen. Mitten durch die Knoten liefen von beiden Seiten sich kreuzende, eiserne nadelscharfe Stacheln, die in der Länge eines Weizenkorns oder etwas mehr aus dem Knoten ragten.
Mit solchen Geißeln schlugen sie sich auf den entblößten Oberkörper, so dass dieser blau verfärbt und entstellt anschwoll und das Blut nach unten lief und die benachbarten Wände der Kirche, worin sie sich geißelten, bespritzte.
Zuweilen trieben sie sich die eisernen Stacheln so tief ins Fleisch, dass man sie erst nach wiederholtem Versuch herausziehen konnte.“

Keine Predigt ohne Endzeitmythen
Religion und Liturgien durchziehen das Leben der Menschen im Hochmittelalter, darunter sind auch apokalyptische Botschaften der Evangelisten Teil jeder Predigt. Gerade sie stehen im hochmittelalterlichen Europa hoch im Kurs. In deren Zeugnis heißt es das bald die Ankunft des Herrn und damit das jüngste Gericht bald anbrechen werde.
Das heilige Land ist längst an die moslemischen Mamluken verloren und als ein Erdbeben – so die Meinung der Gelehrten- eine nie gekannte Pestwelle den Tod bis ins Herz Europas schwemmt, ist man sich einig das nun der Herr kommen wird um zu richten.
Bald durchziehen ungezählte Gruppen aus bis zu dreihundert Flagellanten (Chronisten sprechen teilweise von tausenden) Österreich, Ungarn, das Reichsgebiet, Polen, Frankreich, Niederlande und der Schweiz um mit der Bevölkerung um Verschonung zu beten. Viele Kleriker unterstützen ihr Treiben, jene antiklerikale Färbung der Flagellanten aus dem 13. Jahrhundert scheint man vergessen zu haben. In den Niederlanden steht selbst die hohe Geistlichkeit hinter der Bewegung, dort sollen nun 100 000 Teilnehmer durch das von der Pest entvölkerte Land ziehen.
Dafür vorgesehen ist eine Dauer nach den Lebensjahren Christi von 33,5 Tage.
Angeführt von einem Laienmeister oder einen abtrünnigen Geistlichen, haben die Flagellanten sich an einfache aber harte Bedingungen zu halten um den Wert der Buße nicht zu mindern.
Ein Bad zu nehmen, sich zu rasieren, frische Kleidung zu tragen oder in einem Bett zu schlafen ist den Bußgängern strengstens untersagt.
Darum zu betteln ist den Bußgängern natürlich untersagt. Doch nicht selten reißen sich die Bürger darum die Flagellanten in ihre Häus zu lassen um sie zu umsorgen – einen so ehrfürchtigen Diener Gottes Herberge zu bieten, ist für so manchen eine Art Lebensversicherung.
Ohne Erlaubnis ihres Meisters mit einer Frau zu sprechen ist den Männern ebenfalls untersagt, auch wenn sich den Flagellanten mit der Zeit auch -von ihnen getrennte- Züge aus Frauen anschließen.
Sobald der Zug eine in der Regel noch pestfreie Stadt erreicht kommt es dreimal am Tag zur Prozession. Hatte die Pest hier bereits gewütet, sind es die Flagellanten, die die gemiedenen Pestleichen begraben. Die Flagellanten fühlen sich sicher aufgrund ihres langen Bußgangs –die verängstigten Bürger sind von der spirituellen Kraft der Bußgänger beeindruckt. Immerhin reicht das bloße anfassen der Pesttoten schon um sich anzustecken – hiesige Geistliche weigern sich aus Angst den im Sterben liegenden Pestkranken die letzten Sakramente zu überreichen. Eine herbe Enttäuschung, die die Menschen noch mehr in die Arme der Flagellanten treibt. Kirchen werden ihnen geöffnet und niemand wagt es den moralisch und spirituell überlegenen Flagellanten sich in den Weg zu stellen.
Während Kirche, Gelehrte und weltliche Herrscher keine Therapie gegen den schwarzen Tod kennen, verlieren die Menschen das Vertrauen an sie. Der ideale Nährboden für religiösen Fanatismus der nun auch einen Schuldigen gefunden haben will.

Pogrome
1349 brennt das jüdische Viertel in der deutschen Stadt Worms. Die Feuersbrunst hat die jüdische Bevölkerung selbst gelegt um zumindest dem Tod durch den Mob vor ihren Türen zu entkommen, der von den Flagellanten aufgehetzt wird. Für eine Rettung durch Flucht war es zu spät gewesen und die schnelle Konvertierung zum Christentum keine Option. Vierhundert sollen in Worms im letzten Jahr des schwarzen Todes in den Flammen umgekommen.
In Frankfurt ist der eintreffende Zug der Flagellanten darüber empört, dass die Christusmörder in den besten Vierteln wohnen und beginnen die ansässigen Juden zu jagen. Mit dem Sturm auf das Judenviertel sind nicht wenige Stadtväter und Bürger einverstanden und beteiligen sich selbst daran. Ein Muster das sich in vielen Städten wiederholt, denn das Ableben jüdischer Geldverleiher befreit so manchen aus seinem Schuldenberg.
Nur das beherzte Eingreifen der Bürgerschaft verhindert, dass nicht alle Juden umkommen.
In manchen Städten wehren sich die Juden mit Waffengewalt, rächen ihre Toten mit dem Schwert. Mancherorts kommt es zu regelrechten Straßenschlachten. Wenn sich die Wirkungslosigkeit der Flagellanten zeigt, sobald diese unbewusst die Pest in die Stadt tragen, wird die enttäuschte Hoffnung abermals an den Juden „den Brunnenvergiftern“ ausgelassen.
Nur wenige Landesherrn stellen sich dem Volkszorn entgegen. Viele Flüchtlinge finden Zuflucht bei Ruprecht I. oder Herzog Albert von Österreich, einige der wenigen mächtigen Männer, die die Juden mit ausreichenden Mitteln vor dem bewaffneten Mob schützen.
Die Landesherrn von Antwerpen und Brüssel sehen jedenfalls im Dezember 1349 weg, als in den letzten Pogromen die gesamte jüdische Bevölkerung ausgelöscht wird.

Die Flagellanten werden übermütig
Zwar tragen die Flagellanten nicht die Hauptschuld an den ungezählten Pogromen während der Pestjahre, doch die von ihnen provozierten Unruhen rufen Adlige und Kirchenmänner auf dem Plan. Immer mehr verbindet man die Züge der Flagellanten mit Unruhe, Mord und Totschlag und zu Recht auch als Verbreiter der Pest. Auch in ihrem Gebaren verändern sich die gottesfürchtigen Geißler. Lehnten sie Kost und Logis der dankbaren Bürger anfangs noch ab, beginnen so nun immer mehr sich zu nehmen was sie wollen. Die Berichte von ausgeraubten Häusern, Kirchen und Vergewaltigungen häufen sich. Gerüchte über Orgien, in denen das Auspeitschen mit Sex verbunden ist machen die Runde. Aus den andächtigen Flagellanten ist ein krimineller Haufen geworden. Vor allem die besitzende Klasse betrachtet sie nun als Umstürzler.
Die Ausschreitungen und Ausfälle gegen den ohnehin verängstigten Klerus häufen sich. Seit dem Sommer 1349 versperrt man den Unruhestiftern die Stadttore.

Self-mortification of flagellants during a procession in the Middle Ages. Lithograph, published in 1891.

Die Kirche schreitet ein
Die Flagellanten stellen immer mehr wichtige Dogmen und Gesetzte der Kirche in Frage. Ihre Meister beanspruchen das Recht die Beichte zu hören und Absolution zu erteilen. Priester sehen ihre Einkommensquelle durch diese Häretiker in Gefahr. Auch entwickeln die Bußgänge eine gefährliche Eigendynamik. Priester, die sich den fanatischen Geißler in den Weg stellen, werden teilweise von den aufgebrachten Stadtbewohnern gesteinigt.
In Rom ist man sich einig, dass die Flagellanten „In ihrem Wahn und ihrer Anmaßung“ die Kirche zerstören.
Staat und Kirche beschließen dem Spuk ein Ende zu setzen. Papst Klemens VI. ruft im Oktober in einer Bulle zur Auflösung und Festnahme der Flagellanten auf.
Philipp VI. stellt die öffentliche Geißlung unter Strafe. Örtliche Landesherrn beginnen die „Meister der Irrlehre“ zu verfolgen.
Das Pendel der Gewalt fällt nun mit voller Härte auf die Flagellanten zurück. In ganz Europa werden sie festgenommen, gehängt wie Verbrecher oder geköpft.
Der Dominikaner Heinrich von Herford hält lapidar fest: „Sie verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren“.

Mit dem Abflauen der großen Pest, kehren die geflohenen Juden aus Osteuropa langsam zurück. Es werden neue Gemeinden gegründet, auch wenn sich die Mär von ihnen als „Brunnenvergifter“ hartnäckig hält. Auch das sich einige von ihnen einst verbissen zur Wehr setzten und dabei etliche Christen töteten ist ein weiterer Sargnagel auf dem Weg in die Welt der „Anderen“.
Die Isolation sollte härter, die Grenzen zum Rest der Gesellschaft eindeutiger sein als vor der Pest. Von nun leben sie in geschwächten und ängstlichen Gemeinden unter noch schlechteren Bedingungen. Man legt ihnen neuere Beschränkungen auf und drängt sie ins gesellschaftliche Aus.
Die Blüte des europäischen Judentums ist vorbei – der Stereotyp vom bösartigen Juden geboren.
Eine der vielen Nachwehen des Schwarzen Todes.

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