Ein mögliches Handelsmonopol und die heilige Pflicht eines Kreuzzugs bewegen das kleine Königreich Portugal Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zu einer weiteren waghalsigen Reise.
In seiner ersten von drei Indienfahrten trotzt der ehemalige Seeräuber Vasco da Gama und seine Mannschaften Stürmen, Flauten, Hinterhalten von Eingeborenen und der berüchtigten Seefahrerkrankheit. Allein der Skorbut fordert von 166 Mann 100 Tote.
Mit ihrer Ankunft im indischen Calicut setzten die Portugiesen einen Wendepunkt in der Geschichte.
Ein Reitunfall und eine Vision
Wie und wo Diogo von seinem Pferd fällt und daraufhin stirbt, weiß bis heute niemand. Anstelle des eigentlich im Reiten geübten Thronfolgers, besteigt dessen jüngerer Bruder Manuel I. 1495 den Thron des kleinen aufstrebenden Portugals.
Die Gedanken des erst 26jährigen sind voll mit den Mythen jener Zeit – entsprechend groß sind seine Ambitionen;
Manuel I. sieht sich von Gott berufen den mythischen Priesterkönig Johannes und seine christliche Gemeinschaft im mystischen Indien zu finden. Ein fähiger Mann solle sich auf den Weg entlang der Westküste Afrikas machen und später im sagenumwobenen Indie den Priesterkönig ausfindig machen, um den muslimischen Mamluken und Türken in einem finalen Kreuzzug von Osten in den Rücken zu fallen. Gewürze, die nur dort wachsen sollen und in Europa gegen Gold aufgewogen werden seien nur Beiwerk in der mythischen Gedankenwelt Manuels.
Fehlender Kenntnisse über den indischen Ozean, fehlenden Wissen darüber wo die wertvollen Gewürznelken wachsen zum Trotz.
Trotz der erfolgreichen Fahrt des berühmten Bartholomeus Dias weiß man über Afrika, das es zu umrunden gelte, ernüchternd wenig und niemand in Portugal war selbst je im sagenhaften Indien.
Der Adel ist wenig begeistert und schlägt stattdessen einen Kreuzzug ins naheliegende Marokko vor um den Heißhunger – oder ist es Wahn? – des jungen Monarchen zu stillen.
Gelangweilt und voller Eifer lehnt Manuel ab und lässt nach einem Mann suchen, der der Aufgabe gewachsen ist.
Der Papst in Rom wird hellhörig und sichert Manuel I. alle Besitzrechte auf die Länder die er den „Ungläubigen“ entreißen würde zu.
Stadt der Sklaven
Im Hafenviertel von Lissabon herrscht reges Treiben. Seeleute entladen Waren aus weit entfernten Ländern, jede Schiffsladung weckt den Wunsch nach mehr. Seeleute wie Gelehrte sind sich sicher: Das was da entladen wird ist nur die Spitze eines Eisbergs mit Namen Afrika. In den 1490ern sind weite Teile der afrikanischen Westküste bekannt und werden regelmäßig angesteuert.
Erreicht wurde der haushohe Vorsprung gegenüber anderen Europäern durch Portugals Vorreiterrolle in der Kosmographie und der Navigation. So erreichte bereit vor einem Jahrzehnt der Seefahrer Bartholomeus Dias den südlichsten Punkt Afrikas, Stürme und erschöpfte Mannschaften hielten ihn davon ab das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln.
Spätestens seither schüren die Werften und Häfen von Lissabon Sehnsüchte nach mehr. Mehr exotische Früchte, mehr Edelsteine und vor allem: mehr menschliche Ware.
Lissabon ist zu diesem Zeitpunkt auch eine Stadt der Sklaven. Keine andere europäische Stadt kennt einen größeren Anteil an Sklaven in ihrer Bevölkerung. Historiker schätzen die Anzahl der Sklaven in Lissabon auf gut 15 Prozent. Meist stammt die „Ware“ aus Guinea. Eines der ersten Länder die die Eroberer für sich beanspruchten. Für die Schifffahrt, als Dolmetscher oder für Hafenarbeiten sind die schwarzen Sklaven unverzichtbar.
Auch ohne eine weitere Bevölkerungsgruppe wäre der Aufstieg Lissabons nicht möglich.
Anfang des Jahrzehnts kehren jüdische Einwanderer in die Stadt zurück. Noch vor Kurzen, im Eifer der christlichen Conquista, hatte man neben Moslems auch Juden brutal verfolgt, vertrieben oder zwangskonvertiert. Nun kehren einige zurück.
Unter all den Gebildeten und Unternehmern, die dem Treiben der Stadt Dynamik verleihen, verdanken die Portugiesen einem jüdischen Mitbürger ihren nautischen Erfolg und damit ihren Status als Entdecker.
Der Astronom und Mathematiker Abraham Zacuto betreibt Forschungen und schafft technische Innovationen, die die Navigation auf hoher See revolutionieren.
Der kosmopolitische Eindruck der vielseitigen Metropole auf den modernen Betrachter täuscht. Lissabon ist durch und durch voll mit religiöser Intoleranz und der gottesfürchtige Kreuzzuggedanke lodert nach wie vor in vielen ehrgeizigen Portugiesen. Aber in keinem stärker als in dem neugekrönten König.

Des Königs neue Flotte
Die Wahl des Königs fällt auf den Seefahrer Paulo da Gama. Doch aus bis heut unbekannten Gründen, erhält dessen jüngerer Bruder Vasco das Kommando als Generalkapitän einer sich gerade im Bau befindlichen Flottille.
Dieser Vasco da Gama ist ein Raubein. Das meiste seiner Vergangenheit liegt im Dunkeln. Vieles spricht dafür das er als Seeräuber vor der Küste Marokkos reichlich Erfahrung in der Seefahrt sammelte. Zeitgenossen beschreiben den aufbrausenden Vasco als innbrünstigen Islamhasser, aber auch als sehr fähigen Seefahrer, der mit allen Wassern gewaschen sei.
Der Kreuzzugsgedanke wohnte auch diesen Seeräuber inne der sich, während die letzten Planken an den Bug des zukünftigen Flaggschiffs gezimmert werden, in einem gerichtlichen Verfahren wegen einer Schlägerei befindet.
Hart im Nehmen aber keinen Sinn für Diplomatie. Zwei Eigenschaften, die den Verlauf der bevorstehenden Mission vorwegnehmen.
„wagemutig in der Tat, streng in seinen Befehlen und sehr furchterregend in seinem Zorn“
Ein Seemann beschreibt seinen Kapitän Vasco Da Gama

Kein geringerer als der Bezwinger des Kaps Bartholomeus Dias beaufsichtigt den Bau der vier Schiffe. Sie besteht aus zwei Karavellen, robuste Schiffe die wie geschaffen für Erkundungen sind. Effektiv gegen Wind und wegen des geringen Tiefgangs perfekt für Flüsse. Allerdings ein technisches Wunder das nicht ohne Nachteile auskommt. Die Karacke, oder Nau wie die Portugiesen diesen Schiffstyp nennen, ist ein unbequemes Schiff. Es ist als hasse sie ihre Besatzung, sie bietet ihrer Mannschaft kaum Platz auf ihren 24 Meter Länge und ihr Rumpf muss ständig gepflegt werden, wofür das bis zu 120 Tonnen Schiff an Land gezogen werden muss. Die Sicherheit der Flotte gegenüber Feinden, ermöglicht die modernste Artillerie ihrer Zeit. Deutsche Kanonengießer teilen seit langem ihr Wissen mit den portugiesischen Königen. Unter Manuel I. Regentschaft reicht das Arsenal von kleinen Hinterladern, die pro Stunde bis zu zwanzig Mal feuern können, bis zu gewaltigen Haubitzen. Den Dreh mit der extremen Feuerkraft haben die Portugiesen längst heraus. Geschosse, abgefeuert von Kanonen einer Karavelle verfügen über eine nie dagewesene Reichweite, da die Kanoniere die Kugeln horizontal auf dem Meer abprallen ließen um selbst weit entfernte Ziele zu treffen.
Um die Versorgung von Lebensmittel und Ausrüstung zu gewährleisten dienen noch zwei kleinere Karacken als Versorgungsschiffe.
Insgesamt nehmen die Schiffe Vorrat für drei Jahre an Bord.
Handwerker werden paarweiße angeheuert, damit im nicht unwahrscheinlichen Todesfall Ersatz vorhanden ist. Unerlässlich sind auch Dolmetscher um entlang der Westküste die hiesigen Bantusprachen zu übersetzten. Für alle Fälle gibt es auch einen Dolmetscher, der dem arabischen mächtig ist. Neben den Matrosen, darunter auch einige mit Kampferfahrung, wird so mancher an Bord gezwungen. Darunter Sträflinge, Waisen, Sklaven und konvertierte Juden. Zusammen bilden sie das sogenannte „Deckfutter“. Sie sind es die die schwersten und gefährlichsten Arbeiten auf den Schiffen übernehmen sollen. Auch werden es Mitglieder dieser bunten Truppe sein, die als Erste ihre Füße auf unbekanntes und vor allem gefährliches Terrain setzen sollen. Deren sehr leicht möglicher Tod ist kalkulierter Verschleiß der bevorstehenden Mission.
Für die Navigation steht ein Wunderwerk der damaligen Nautik zur Verfügung. Die Planetentafel des Abraham Zacuto, mit der nach dem Sonnenstand der Breitengrad bestimmt werden kann.
Die Größe der Flotte ist damit bescheiden aber gut vorbereitet und baut auf Jahrzehntelanger Seefahrererfahrung auf.
Am 8. Juli 1497 brechen die zwei Naus, getauft nach den Erzengeln Sao Gabriel und Sao Rafael zusammen mit einer Karavelle und einem Versorgungsschiff unter dem Jubel der Menschen am Ufer mit 166 Seelen an Bord auf.
Eine Woche später läuft die kleine Flottille die kapverdischen Insel Santiago an, der letzte Außenposten Europas. Sollte die Flotte getrennt werden, sollten die kapverdischen Inseln als Sammelpunkt angesteuert werden. Dort tankt man eine weitere Woche lang Energie für die bevorstehende beschwerliche Reise und füllt Vorräte auf. Am 3. August ist wieder jeder an Bord und die Flotte bricht in östlicher Richtung auf.
93 Tage im Nichts
Anstelle den vertrauten Konturen der afrikanischen Küste zu folgen, wagen die Portugiesen eines der größten Husarenstücke der Geschichte: 700 Meilen südlich der Kapverdischen Inseln, dreht die Flotte ihre Ruder nach Südwesten und beschreibt einen Bogen mitten im Atlantik.
Nur so war es Bartholomeus Dias vor neun Jahren gelungen westliche Winde einzufangen um so an die Südspitze Afrikas zu gelangen.
Doch dieses Mal entschied man sich für einen noch größeren Bogen.
Das Resultat: Die Flotte fährt ganze zwei Monate über endloses Meer. In einem Sturm bricht die Rahe des Hauptsegels der Gabriel und dann passiert das Unausweichliche einer jeden zu langen Seefahrt im fünfzehnten Jahrhundert.
Als erstes wird der Zwieback wurmig und die Ratten hungriger. Die bordeigenen Rattenfänger wie Katze oder Wiesel sind im Angesicht der Rattenplage überfordert und bald wird auch das Trinkwasser faulig. Die Seefahrerkrankheit -Skorbut- hat leichtes Spiel als Trockenobst, Zwiebeln und Bohnen verfaulen. Auch die Stimmung kippt beim täglichen Anblick der endlosen See. Vasco da Gama verbietet das Kartenspielen um Konflikte unter der Besatzung vorzubeugen.
Dann gesellt sich zum Skorbut die beißende Kälte, als sich die Flotte südlich des Äquators befindet. Für das „Deckfutter“ gibt es unter Deck keinen Platz. In Fellen gehüllt arbeiten und schlafen sie auf dem Deck, bestenfalls unter einer Plane.
Der Skorbut schwebt wie ein Damoklesschwert über den Besatzungen. Die Zeit spielt gegen Gama und seine Männer.
Nach 68 Tagen stellen sich erste Symptome ein, die ersten Toten gibt es nach 86 Tagen und nach 111 Tagen kann der Mangel an Vitamin C eine ganze Mannschaft dahingerafft haben.
Die Männer suchen verzweifelt den Horizont ab, während die Geistlichen um göttlichen Beistand beten und Messen abhalten.
Verschieden Winde machen sich bemerkbar und die Flotte dreht ihre Ruder nach Südosten.
Dann, nach 93 Tagen auf offenem Meer, bricht Jubel auf den Schiffen aus. Vor ihnen liegt nun endlich wieder Land. Nach 4500 zurückgelegten Seemeilen, gehen sie in einer Bucht an Land. Vorräte werden aufgefüllt und die dringend notwendigen Reparaturen an den Schiffen werden durchgeführt.
Erwartungsvoll wird das Astrolabium auf festen Boden aufgestellt um den Breitengrad genauer zu bemessen.
Die Expetition befindet sich 125 Meilen vor dem Kap.
Schluckauf
Und die Portugiesen sind nicht allein in der Bucht. Die Einheimischen, die sich neugierig den Fremden nähern werden in einem Tagebuch eines anonymen Matrosen als „dunkelbraun“ beschrieben. Die Dolmetscher stoßen an ihre Grenzen als sie sich mit den Einheimischen verständigen wollen. Öfter als europäische Entdecker zugeben wollen sind sie von den „wilden Heiden“ abhängig, um in der fremden Welt zu überleben.
„Sie sprechen als hätten sie Schluckauf“ hält das Tagebuch fest. Heute weiß man das es sich um das Volk der Khoikhoi handelt, ein südwestliches Hirtenvolk, welches die Europäer amüsiert über deren Sprache „Hottentotten“ nennen werden.
Die Khoikhoi scheinen an einem friedlichen Austausch interessiert zu sein. Im sicheren Glauben willkommen zu sein, folgen die Portugiesen ihnen ins Landesinnere – und lassen ihre Waffen auf den Schiffen zurück.
In dem folgenden Hinterhalt wird sogar Vasco da Gama von einem der Speere verletzt, die auf die Seemänner niederprasseln, doch konnten alle Portugiesen sich in Sicherheit bringen und Segel setzen.
Ein Erlebnis das sich einbrennt.
In Zukunft sollten die Portugiesen bei der kleinsten Provokation ihr Feuer eröffnen.
Wenig später landeten sie in St. Brás. Dort kannten die Einheimischen die Portugiesen bereits als Dias neun Jahr zuvor angelegt hatte.
Kanonendiplomatie
Ob sich dessen Vasco da Gama bewusst war oder nicht. Die Portugiesen gehen in voller Montur an Land, nachdem die Bordgeschütze eine Salve über die Bäume am Strand donnerten. Glänzende Rüstungen, gespannte Armbrüste – die Einheimischen verschwinden im Dickicht.
Doch sie kommen zurück und tauschen nicht nur Vorräte mit den Portugiesen aus. Aus dem Tagebuch geht hervor, das sich Einheimische und Entdecker besten miteinander verstehen, jenseits aller sprachlichen und kulturellen Barrieren.
Der anonyme Matrose schreibt an diesem 2. Dezember in sein Tagebuch:
„ … da begannen sie, auf vier oder fünf Flöten zu spielen; die einen bliesen hohe Töne, andere tiefe. Für Neger, die nicht sehr musikalisch sind, brachten sie eine ganz schöne Musik zustande. Dazu tanzten sie in ihrer Art. Der Oberbefehlshaber gab nun Befehl, die Trompeten zu blasen, und wir tanzten auf unseren Schiffen, der Oberbefehlshaber mitten unter uns.“
Das gegenseitige Misstrauen bleibt bestehen. Auf einen vermeintlichen Hinterhalt der gastfreundlichen Einheimischen wird prompt mit geballter Feuerkraft geantwortet. Die Aufzeichnungen schweigen über Verletzte oder Tote unter den Eingeborenen. Es wird lediglich erwähnt, dass die Einheimischen das zuvor aufgestellte Kreuz und den Wappenpfeiler der Portugiesen vor Empörung zerstören, als die Flotte wieder in See sticht.
Scheinbar haben die betrogenen Gastgeber die Störenfriede mit einem Fluch belegt, denn ein Sturm trennt die Schiffe zeitweilig, während sie sich durch die Strömungen kämpfen. Am 15. Dezember erfasst ein starker Rückenwind die Flotte und schiebt sie aus dem Küstenlabyrinth.
Die Stelle wo sich Dias‘ Männer einst weigerten weiter zu segeln, liegt mit dem Kap der guten Hoffnung hinter ihnen.
Afrika ist damit umrundet.

Die Ufer des Sambesi
Doch die Umrundung hat einen fürchterlichen Preis. Die Schiffe sind vom Kampf gegen die Elemente beschädigt und nun droht auch das Trinkwasser zur Neige zu gehen.
Einmal mehr droht der Skorbut die Besatzungen zu dezimieren.
Am 11. Jänner 1498 beschließt Gama an Land zu gehen. Dort empfangen sie „hochgewachsene Männer, die sie ohne Angst aufnehmen und bewirten“
Zehen Tage später brechen die Portugiesen wieder auf und segeln in ein unbekanntes Delta. Im Tagebuch ist von Krokodilen und Nilpferden die Rede, die sich am Ufer eines gigantischen Flusses säumen. Bald tauchen auch Einheimische in ihren Einbäumen auf um Handel mit den Mannschaften zu treiben.
Der Tagebuchschreiber notiert verdutzt das die Einheimischen mit den billigen Tauschwaren der Portugiesen nichts anzufangen wissen. Der billige Ramsch, der bei anderen Eingeborenen so gut ankommt, findet hier keinen Abnehmer.
Fast schon beleidigt ziehen die Einheimische von dannen. Offensichtlich sind sie wirklich hochwertige Ware gewohnt.
Die Portugiesen wittern eine Spur von Gold und Edelsteinen.
Doch anstelle von Reichtümern finden die Portugiesen den Tod.
Der Skorbut schlägt abermals zu. Nur das reiche Angebot an Früchten entlang des Sambesi, kann den größten Teil der Mannschaften retten.
Nachdem die Schiffe wieder seetauglich gemacht und die Toten begraben sind, bricht man wieder auf und findet sich nach sieben Monaten an der Schwelle des indischen Ozeans.
Einen Ozean, 30-mal größer als das heimische Mittelmeer.
Ein neuer Ozean
Am 24. Februar befindet sich die Flotte zwischen der Ostküste Afrikas und Madagaskar. Gesegelt wird nur unter Tags da man die Untiefen scheut.
Dennoch läuft die Bérrio am 2. März auf einer Sandbank auf. Als man sie endlich freibekommt, erscheinen wieder die obligatorischen Einheimischen in ihren Einbäumen und bieten den Portugiesen an sie in einen sicheren Hafen zu begleiten.
Die Portugiesen willigen mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Neugier ein.
Wenig später erreichen sie den Hafen von Mozambique.
Das hier in dem geschäftigen Treiben im Hafen und im Schatten der Minarette arabisch gesprochen wird, lässt die Männer aufhorchen.
Sie haben die islamische Welt betreten – eine Wendung. Der Empfang ist überraschend freundlich, von dem billigen Plunder der Portugiesen lässt sich der hiesige Sultan aber wie die Afrikaner zuvor nicht beeindrucken. Die exotischen Reichtümer können nicht mehr weit sein, den Mozambique ist eine Stadt des Überflusses. Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Gewürznelken werden lautstark auf den Märkten feilgeboten. Wie der Tagebuchschreiber in Erfahrung bringt, komme das meiste davon von den „weißen Mauren“, den Arabern. Ganz anders sieht der Sultan die Waffen der vermeintlichen Türken, für die die Portugiesen gehalten werden. In diesen Gewässern scheint es nichts Vergleichbares zu geben. Einen Trumpf den die Portugiesen noch oft ausspielen werden. Ihre Tarnung als Türken fliegt auf als später bei ihrer obligatorischen Messe als Christen erkannt werden.
Panisch ergreifen sie die Flucht und belegen Mozambique prophylaktisch mit einem Bombardement ihrer Schiffartillerie. Ein Friedensangebot des Sultans lehnt Vasco da Game hochmütig ab.
In der Nähe von Mombasa werden zwei Matrosen an Land geschickt um Erkundungen einzuholen. Als sie zurückkehren ist die Freude groß. Sie berichten von Bildnissen, die den heiligen Geist darstellen. Der Priesterkönig Johannes und seine christliche Gemeinde müssen in der Nähe sein, schlussfolgern die Geistlichen an Bord.
Doch es war eine geradezu absurde Verwechslung. Bei den vermeintlichen Christen handelt es sich um Hindus. Scheinbar wissen selbst die Gelehrten des portugiesischen Königs nichts von den Lehren des Hinduismus.
Die Portugiesen beginnen auf ihren Weg Richtung Norden Schiffe zu überfallen. Immer mehr gebiert sich Vasco da Gama als Seeräuber. Ein Handwerk das ihm vertraut ist. Ihr schlechter Ruf eilt ihnen voraus. Tauchen die fremden Schiffe mit dem roten Kreuz auf ihren Segeln auf, bricht Panik auf den arabischen Daus aus. Dieser arabischer Schiffstyp hat den Portugiesen und ihrer Feuerkraft nichts entgegen zu setzten.
In Malindi schildert das Tagebuch die Ankunft zweier „fremdaussehender Christen“ an Bord. Als man ihnen an Bord ein Bild Christi zeigt sollen sie sich davor niedergeworfen und das Bildnis ehrfürchtig gepriesen haben. „Christ! Christ!“ schallte es über Deck und in gebrochenen arabisch malen sie ein fürchterliches Bild über die Muslime, was Gama’s Weltbild befriedigend bestätigt. Im Tagebuch heißt es:
„… diese Inder haben eine schwarzgelbe Hautfarbe, sie sind sehr wenig bekleidet. Ihr Barthaar ist lang … Sie erzählen uns, dass sie kein Ochsenfleisch essen“

Wahrscheinlich ist das die vermeintlichen Glaubensbrüder „Krischna! Krischna!“ ausrufen. Noch immer ahnen die Portugiesen nicht das es neben den drei abrahamitischen Religionen noch andere gibt.
Einen weiteren „Christen“ nehmen die Entdecker an Bord um einen Lotsen für den weiteren Weg zu haben. Dieser „Christ“, ein Muslim aus Gujarat, ist im Besitz wertvoller Karten dank derer er astronomischer Beobachtungen durchzuführen und somit die Portugiesen die Geheimnisse der Navigation im Indischen Ozean entschlüsseln können.
Nach 2300 Meilen auf offener See, tun sich am Horizont die Umrisse hoher Berger auf. Es handelt sich um die Westghats, jene Bergkette, die den Südwesten Indiens umfasst.
Das sagenhafte Indien, mit all seine Schätzen liegt nach 12 000 Meilen und 309 Tagen auf See vor ihnen.
Die Stadt des Samorin
Die Ankunft Vasco da Gamas in der indischen Stadt Calicut am 20. Mai 1498 stellt einen Wendepunkt in der Geschichte dar. Die erste Indienreise der Portugiesen sollte die europäische Isolation aus dem internationalen Handel beenden. Der Zugang zum lukrativen Gewürzhandel ist somit frei. Damit ist Portugal, neben Venedig – das nur dank Verträgen mit den Osmanen Zugang zu den gefragten Gewürzen hat- die einzige europäische Macht die mit dem lukrativen Waren handeln kann und dadurch von einem armen Königreich in naher Zukunft zur Kolonialmacht wird. Der einst unbezwingbare Atlantik stellt nun kein Hindernis, sondern bis zum Bau des Suezkanals einen lukrativen Handelsweg in den indischen Ozean dar.
Der einstige Seeräuber ist allerdings laut Aufzeichnungen nicht der erste der Besatzung der den Subkontinent betritt.
Der konvertierte Jude Joáo Nunez wird als Teil des entbehrlichen „Deckfutter“ an das potenziell gefährliche Ufer geschickt. Als er sich einen Weg durch die staunende Masse bahnt, trifft er auf zwei tunesische Kaufleute – die ihn sehr zu Nunez Staunen auf kastilisch ansprechen.
Die zwei muslimischen Händler bieten ihr Wissen über die hiesige Kultur an.
Eine Kultur der Toleranz und damit ganz anders als Lissabon, wird Calicut für seine geschickte Regierungstätigkeit, den gerechten Umgang mit Händlern und den vorurteilsfreien Umgang mit allen Handelsschiffen des indischen Ozeans gelobt.
Es herrscht ein harmonisches Miteinander unter Muslimen und Hindus. Dies sichert das Wort und die Macht des „Herrn der Meere“, den Samorin Raja.

Der gute Ruf der Stadt ist sogar in den Schriften des chinesischen Chronisten Ma Huan überliefert.
Christen werden die Portugiesen hier nicht vorfinden, auch keinen mythischen Priesterkönig. Stattdessen werden sie ihrem Verlangen nach sagenhaften Reichtümern, gepaart mit Gamas Kreuzzugsgedanken, in den nächsten Jahren das uralte harmonische Gleichgewicht im Reich des Samorin empfindlich stören. Dieser lässt die Fremden warten. Als er sie zur Audienz lädt, kann
der sagenhafte Samorin beim Anblick des billigen Ramschs den ihn die Portugiesen als Geschenke darbieten nur die Nase rümpfen.
Glasperlen, Glocken sind bei weiten das Wertloseste was ihm seit Langem unter die Nase gehalten wurde. Doch mehr hat Da Gama nicht zu bieten – außer ihm die Freundschaft zu seinem König anzubieten. Dabei lügt der Entdecker dreist und malt Manuel I. in den buntesten Farben als reichsten und mächtigsten Mann der Welt aus.
Ob der Samorin davon beeindruckt war, ist schwer vorstellbar denn wenig später machen sich die Portugiesen auf dem Heimweg. Auch immer mehr muslimische Schiffe legen im Hafen von Calicut an und zürnen den Entdeckern. Auf der Heimfahrt durch die Inselwelt wird auf einer der Insel Halt gemacht um die Schiffe abermals auf Vordermann zu bringen. Dort findet die Mannschaft wildwachsenden Zimt und nimmt diesen an Bord – ein Luxusgut, das ihren Aufenthalt in Indien beweist.
Als zwei der Schiffe wieder in Lissabon ankommen, ist man sich in Europa sicher das das was Columbus im Westen 1492 entdeckt hat auf jeden Fall etwas anderes als Indien sein muss.
- Quellen:
- Crowley Roger: Die Eroberer, deutsche Erstausgabe, Darmstadt, WBG Verlag, 2016, S. 431.
- Münkler Marina: Anbruch der neuen Zeit – Das dramatische 16. Jahrhundert, Erstausgabe, Berlin, Rowohlt, 2024.
